500 Jahre Reformation: Bücher - Themen - Autoren

Am 31. Oktober 1517, vor bald genau 500 Jahren, hat Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. - Wirklich?

Der Kirchenhistoriker Volker Leppin hat vor ein paar Jahren nachgewiesen, dass dieser Thesenanschlag nie stattgefunden hat, und damit heftige Diskussionen ausgelöst. An der Demontage der protestantischen Meistererzählung von der Reformation arbeitet er auch mit seinem neuesten Buch "Die fremde Reformation. Luthers mystische Wurzeln". Er hat die mystischen Schriften und Predigten neu gelesen, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts in spirituellen Zirkeln entstanden, mit denen auch Luther eng vernetzt war. Die erstaunliche Entdeckung dabei: Eigentlich ist in diesen vergessenen Schriften die reformatorische Theologie schon komplett vorformuliert. Luther hat sie aufgegriffen, transformiert und verbreitet - aber im Kern waren die reformatorischen Ideen im Spätmittelalter bereits vorhanden, bis hin zum landesherrlichen Kirchenregiment. Der Abschied von Luther als Gründungsheroen der Moderne hat zu einer Diskussion darüber geführt, wie fremd und fern uns Luther eigentlich ist.

Gegen die Heldenerzählungen

Ganz ähnlich revidiert der Historiker Volker Reinhardt in seinem Buch "Luther, der Ketzer". Rom und die Reformation gängige Deutungsmuster und kommt zu dem Ergebnis, dass die Theologie nicht der entscheidende Faktor bei der Glaubensspaltung war. Erstmals hat er die Nuntiaturberichte über Luther, die in den Vatikanischen Archiven liegen, systematisch ausgewertet. Diese Berichte sind zwar seit dem 19. Jahrhundert ediert - mehrere Regalmeter zu allen möglichen Gegenständen -, aber bisher nie systematisch im Hinblick auf die Reformation ausgewertet worden. Volker Reinhardt stellt dem lieb gewordenen Gegensatz von standhaftem Reformator - "Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" - und dekadenter Papstkirche voller "Missbräuche" erstmals die römische Sicht auf Luther entgegen: Wir lernen aus dieser Perspektive einen unbelehrbaren Barbaren kennen, der seine eigene Bibeldeutung für die einzig wahre hält und auf dem Reichstag zu Worms auch bei wohlmeinenden Beobachtern einen lächerlichen Eindruck hinterlässt. Reinhardts Fazit: Es war vor allem der - bis heute nicht überwundene - Clash of Cultures zwischen Italien und Deutschland, der zur Reformation geführt hat. Auch dieses Buch hat sofort Diskussionen ausgelöst.

Globale Perspektiven

Während Reinhardt und Leppin vergessene Quellen neu zum Sprechen bringen, bündelt Thomas Kaufmann in seiner Gesamtdarstellung der Reformation kritisch eine Fülle neuer Ansätze. „Am Anfang war Luther“ – so könnte mit Thomas Nipperdey der erste Satz seines Buches "Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation" lauten. Er entfaltet darin das Panorama der europäischen Reformationen, die sich, von Luther angestoßen, in unterschiedliche Richtungen entwickelten, von den Lutheranern in Mitteldeutschland und Nordeuropa über die Reformierten in der Schweiz, Frankreich und den Niederlanden bis hin zu den Täufern und Puritanern, die die Reformation als Flüchtlinge in die Neue Welt trugen. Eine höchst souveräne und spannende Erzählung, die immer wieder Position bezieht und neue Perspektiven eröffnet.

Mit "1517. Weltgeschichte eines Jahres" legt Heinz Schilling, einer der renommiertesten deutschen Historiker, das etwas andere Buch zum großen Jubiläumsjahr vor. Nicht die Reformation selbst bildet hier den Mittelpunkt der Darstellung, sondern die Welt, so wie sie 1517 war. Wir sind zu Gast an den europäischen Höfen, im Osmanischen Reich und unterwegs in den Weiten der "neuen Welt", bevor wir am Ende der Reise durch ein Jahr ankommen in Wittenberg, einer anderen "Grenze der damaligen Zivilisation". Das brandneue Weltwissen der Renaissance und der uralte Glaube an Wunder, Hexen und Dämonen, die sozialen Spannungen der Zeit und die Unruhe im Übergang vom Mittelalter zur modernen Welt, das alles und noch viel mehr bildet den Stoff dieses originellen Buches, das meisterhaft die Geschichte eines Jahres erzählt, das die Welt verändert hat.

Biographische Tiefenbohrungen

Die Abkehr von früheren Heldenerzählungen hat auch biographisch zu Neuansätzen geführt. Heinz Schilling hat bereits 2012 eine große Luther-Biographie vorgelegt. Er schildert diesen welthistorischen Rebellen nicht als einsamen Titanen, sondern als Akteur in einem gewaltigen Ringen um die Religion und ihre Rolle in der Welt. Nun hat er seinen Bestseller "Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs" - „das beste nicht-theologische Buch über Martin Luther seit Jahrzehnten“ (Thomas Kaufmann) - für eine Sonderausgabe durchgesehen und aktualisiert.

Aber was hat Luther eigentlich über sich selbst gesagt? Viele Luther-Anekdoten und "Kraftsprüche" stammen aus seinen berühmten Tischreden. Wer jedoch in die gängigen Sammlungen schaut, wird manches entdecken, was später hinzuerfunden wurde. Der schöne Satz "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen" ist erstmals 1944 belegt (und passt auch besser in diese Zeit). Günter Scholz hat Luthers Schriften im Hinblick auf Sprüche, Anekdoten und Selbstäußerungen neu ausgewertet. Sein Buch „Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?“ Martin Luther in Selbstzeugnissen ist die definitive und verlässliche Sammlung, die auch als kleine Luther-(Auto-)Biographie gelesen werden kann.

Der weltweit führende Melanchthon-Forscher Heinz Scheible hat Luthers wichtigsten Weggefährten mit seiner Biographie "Philipp Melanchthon. Vermittler der Reformation" aus dem Schatten Luthers geholt. Sein konkurrenzloses Standardwerk hat er nun auf den neuesten Forschungsstand gebracht und erweitert.

In den letzten Jahren wurde von vielen Protestanten die starke Fokussierung des Reformationsjubiläums auf Luther beklagt. Was ist aber mit dem "linken", sozialrevolutionären Flügel der Reformation? Sollten wir uns nicht eher auf Thomas Müntzer besinnen, der an der Seite der verarmten Bauern kämpfte, als auf den Bauern-Hasser Luther? Die gültige Müntzer-Biographie hat Hans-Jürgen Goertz vorgelegt. Sein Standardwerk "Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten" liegt nun völlig neu bearbeitet vor und lädt dazu ein, den revolutionären Reformator wiederzuentdecken.

Weltwirkungen der Reformation

Welche langfristigen Folgen die Reformation auf unsere Kultur hat, fragt Johann Hinrich Claussen in seinem Buch "Reformation. Die 95 wichtigsten Fragen". Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland entdeckt eine Reformation jenseits der Mythen, die uns gerade in ihrer Fremdheit heute viel zu sagen hat. Nebenbei geht es auch darum, warum kulturell bei den Protestanten oft Fehlanzeige ist: Bilderstürmerei, Verbot von nichtgeistlicher Musik und Askese haben eine lange protestantische Tradition. Und warum, so Claussen, hat die Reformation so wenige Schriftsteller inspiriert?

Immerhin hat die Reformation die Wirtschaft beeinflusst. Max Weber jedenfalls hat eine Wahlverwandtschaft zwischen protestantischem Geist und Kapitalismus konstatiert. Seine These wird bis heute kontrovers diskutiert. Neue Erkenntnisse dazu wird der Band "Die Weltwirkung der Reformation" bringen - die offizielle Publikation des von der Bundesregierung und der EKD berufenen wissenschaftlichen Beirats "Reformationsjubiläum 2017" unter Leitung des (katholischen) Juristen Udo Di Fabio. Hier geht es auch darum, wie der Protestantismus Recht, Verfassung und andere weltliche Institutionen in der Moderne geprägt hat.

Über den umstrittenen Ursachen und den Weltwirkungen der Reformation sollte eine Frage jedoch nicht vergessen werden: Was heißt es heute überhaupt, "evangelisch zu glauben"? Ihr geht der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber in seinem neuesten Buch "Glaubensfragen - Eine evangelische Orientierung" - nach. Er erinnert jenseits aller konfessionellen Gegensätze an Grundlagen des Christentums, die zwar in der Reformation eine besondere Rolle spielten, aber ein gemeinsamer Schatz aller Christen sind.

Dr. Ulrich Nolte
Lektorat C.H.Beck