Auster und Klinge

Lilian Loke

Stimmen zu Auster und Klinge

"Loke […] hat ihrem viel bestaunten Debüt jetzt ein noch ehrgeizigeres, zweites Werk folgen lassen. [Auster und Klinge] liest sich wie ein Thriller. Aber das ist nur ein Trick. Tatsächlich geht es um die Frage, wie wir als Gesellschaft Moral und Unmoral definieren. […] Ein mal rohes, mal zärtliches, oft auch verstörendes Ding."
Hermann Weiß, Welt am Sonntag, 15.04.2018

"Lilian Loke kreiert in ihrem Roman eindringliche Figuren, wunderschöne und tieftraurige Szenen, sie zeigt scharfzüngig und manchmal richtig böse Übel unserer Gesellschaft."
Karoline Pilcz, Buchkultur, 1/2018

"Rasant und spannend mit gekonnt eingesetztem schwarzen Humor. Unterhaltsam dreht sich die Spannungsschraube der Story bis an die Schmerzgrenze der Protagonisten – ein wirklich erbarmungsloser und gleichzeitig bös komischer Roman." 
Andrea Engels, Litera, Februar 2018

"Die ‚Klinge‘ […] schneidet tief genug, um wirklich wehzutun, hat den Blick auf das gelenkt, ‚was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet‘.
Beate Tröger, Der Freitag, 1. März 2018

"Fulminant und auf bitterböse Weise komisch."
Hannah Heubel, Galore Literaturbeilage, Februar 2018

Fünf Fragen an Lilian Loke

1. Ihr Roman „Auster und Klinge“ hat – wie schon Ihr Debüt „Gold in den Straßen“ – männliche Hauptfiguren, auch wenn es natürlich ebenso wichtige weibliche Figuren gibt. Was reizt Sie daran, aus männlicher Perspektive zu schreiben?

 

Ich beginne meist mit einem Thema, aus dem sich schließlich eine Geschichte entwickelt, für die ich dann die passenden Figuren suche: Im neuen Roman sind es ein Einbrecher sowie ein gelernter Schlachter und bildender Künstler, der für eine großangelegte, illegale Kunstaktion beim Einbrecher das Einsteigen lernt. Später geraten die beiden auch gewaltsam aneinander, als dem Einbrecher klar wird, auf welchen Deal er sich eingelassen hat. Mich reizt es, möglichst abwechslungsreiche, von mir verschiedene Perspektiven einzunehmen, zugleich steckt in allen Figuren immer ein großer Teil von mir, bei männlichen wie weiblichen, Haupt- wie Nebenfiguren. Ich suche immer nach menschlichen Ängsten und Schwächen, stoße beim Schreiben auch direkt auf meine eigenen, versuche zu ergründen, wie Ängste und Schwächen in Stärken umgewandelt werden können und woran wir dabei manchmal scheitern.

 

2. „Auster und Klinge“ spielt wieder in Frankfurt, schildert Milieus wie das Restaurantgewerbe und eine Großschlachterei, aber lässt auch viel Einblick in die Welt organisierten Einbruchsdiebstahls erkennen. Wie haben Sie recherchiert und warum gerade Frankfurt – wie ja auch bei Ihrem Debüt?

 

Mir gefällt es, herauszubekommen, wie Dinge funktionieren. Für den Roman habe ich mich in vieles eingearbeitet, zum Beispiel wie man ein Schwein schlachtet, Fenster aufhebelt oder Einbruchsschwachstellen an Häusern ausmacht. Die Polizei gibt auch Aufklärungsvideos und Informationsmaterial heraus, eine ganz gute Anleitung auch für die Gegenseite. Ich habe mir Lockpicks und einen Testschließzylinder besorgt, um zu sehen, wie schwer es ist, ein Schloss zu öffnen, und in meinem Gefrierfach liegt auch noch etwas Schweineblut, mit dem ich Aktionen aus dem Roman auf Plausibilität getestet habe.

Frankfurt ist generell eine eindrucksvolle Stadt mit starken Kontrasten, Fachwerk und Wolkenkratzer, Bahnhofsviertel und globale Wirtschaft, deutsch und international zugleich, und für den ersten Roman, der sich mit dem Individuum im Wirtschaftssystem und dem Verkauf als Kommunikation auseinandersetzt, war die Stadt eine tolle Kulisse. Das galt auch für den neuen Roman, der unter anderem die Auswirkungen der globalisierten Wirtschaft behandelt. Zugleich spielen beide Romane in derselben Welt mit ein paar Querverweisen und Gastauftritten.

 

3. Ihr Roman erzählt nicht nur eine spannende Geschichte über zwei Männer, die einen riskanten Deal abschließen, sondern letztlich geht es auch um die Globalisierung von Arbeit, um Ausbeutung und Moral. Gibt es am Anfang bei Ihnen eher eine Idee, ein Thema oder beginnt alles mit einer Figur, einer Szene, einem Ton?

 

Ich beschreibe meinen Schreibprozess meist so: Erst Knochen, dann Fleisch, Blut und Seele. Wie gesagt, beginne ich häufig mit Themen und Fragen, in diesem Fall unter anderem zu Gewalt und Kooperation in der Natur des Menschen, Auslegungen des Moralbegriffs und Grenzen der Empathie, aber auch deren Chancen. Dann folgen Geschichte und Figuren, anschließend Kernszenen, in denen die Figuren ihren eigenen Ton und ein starkes Eigenleben entwickeln. Dadurch lösen sie auch überraschende Wendungen in der Geschichte aus, die ich vorab nicht geplant hatte. So kommt an den Knochen Fleisch, Blut, Seele, der Text wird lebendig, ein bisschen Frankensteins Monster im besten Sinn. Ich pflege meine Monster.

 

4. Eine der beiden Hauptfiguren ist Maler und Kunst spielt eine wichtige Rolle – in seinem Fall geht es um den Zwiespalt zwischen Kunst, die auch auf dem Markt erfolgreich sein kann, und einer Kunst, die wehtut, die in Aktionskunst umschlägt. Sind das Fragen, die Sie auch persönlich umtreiben, das, was man früher einmal, etwa auf Schriftsteller bezogen, „engagierte Literatur“ genannt hat?

 

Labels enden leider schnell in Vereinfachungen. Wenn ich lese, möchte ich, dass mir ein Text etwas sagt, Neues zeigt, scheinbar Bekanntes genauer beleuchtet, doch ich will auch eine gute Geschichte erzählt bekommen, Figuren, die mich mitreißen und aufreiben, weil sie so menschlich sind. Beim Schreiben möchte ich Fragen untersuchen, aber mir und anderen auch eine gute Geschichte erzählen. Was eine gute Geschichte ist, ist natürlich auch subjektiv, aber die Kombination von guten Geschichten und Themen, die auch wehtun können, abseits von Texten, die nur um sich selbst kreisen, halte ich für eine gute Sache. Dabei lassen sich Schmerz und Schrecken oft durch eine gewisse Komik besser fassen, sonst überwältigen sie einen und lähmen nur.

 

5. Wie würden Sie Ihre Erzählsprache und Ihre Erzählweise beschreiben, Sie arbeiten mit Figurenperspektiven, aber auch einer übergeordneten Instanz, mit einer feinen Erzählsprache, aber auch mit Slang-Elementen und solchen gesprochener Sprache, versuchen Sie, auch sprachlich zwischen den Figuren zu unterscheiden? Haben Sie literarische Vorbilder für Ihren Stil?

 

Georg Büchner war für mich immer ein wichtiger Einfluss, er verbindet Witz, soziale und politische Fragen mit je nach Situation feiner, literarischer, dann wieder kräftiger, kolloquialer Sprache, alles mit viel Rhythmus, Klang, lyrischer Knappheit. Auch George Orwell ist für mich wichtig, ein Autor, der seine eigenen Standpunkte stets hinterfragt hat. Außerdem erzählen beide natürlich gute Geschichten, und wo wir bei guten Geschichtenerzählern sind: Stephen King. Aber auch Videospiele mit starker, ungewöhnlicher Storyline wie To the Moon, Layers of Fear oder BioShock beeinflussen mich; die Entwicklung eines Spiels und das Schreiben sind sich nicht unähnlich: Wie entwerfe ich Figuren, Leveldesign, welche Stimmungen setze ich, welche Hindernisse für den Protagonisten, wie leite ich den Spieler bzw. Leser durch die Welt, während er zugleich besonders aktiv an der Gestaltung der Fiktion beteiligt ist.

All die genannten Elemente sind für mich wichtig, und da ich aus einer möglichst nah an der Figur gehaltenen Personalperspektive erzähle, ergibt sich bei jeder Figur auch ein etwas anderer Ton und Stil, es entsteht eine Bandbreite an Standpunkten, die ein Thema vielschichtig beleuchten.


Gefragt hat: Martin Hielscher, Cheflektor Belletristik