Wiederentdeckung eines großen Romanciers

"Mein eigentliches Werk besteht, allen Ernstes, nicht aus Prosa oder Vers: sondern in der Erkenntnis meiner Dummheit", bekennt der am 5. September 1896 in Weidlingau bei Wien geborene Heimito von Doderer im letzten seiner "neunzehn Lebensläufe", einer spielerischen Antwort auf die Forderungen nach "autobiographischer Äußerung, zu welcher einen alle möglichen Leute anleiten möchten". Der Sohn eines wohlhabenden Architekten beginnt im Herbst 1914 in Wien ein Jurastudium, rückt im folgenden April als Einjährig-Freiwilliger ein und nimmt ab Januar 1916 am Russlandfeldzug teil. Ein halbes Jahr später gerät der Fähnrich in Galizien in Kriegsgefangenschaft. An die vier Jahre Lagerleben in Sibirien, in denen in Doderer der Entschluss reift, Schriftsteller zu werden, erinnert er sich noch im Juni 1945 als "eine Insel der Seligen, ich nannt′ es bei mir auch so, ein Elysium". Im Herbst 1920 beginnt der 24-Jährige in seiner Heimatstadt Wien ein Studium der Geschichte und Psychologie, das er mit der Promotion abschließt.

Nach zahlreichen kleineren Veröffentlichungen erscheint 1938 bei C.H.Beck der erste Roman: Ein Mord den jeder begeht. Im Gewand eines Kriminalromans erzählt er die Lebensgeschichte des Textilingenieurs Conrad Castiletz. Trotz stetiger Produktion gelingt Doderer der schriftstellerische Durchbruch und damit auch die Befreiung aus materiellen Nöten erst 1951 mit dem Roman Die Strudlhofstiege, einem furiosen Tableau der Wiener Gesellschaft zwischen 1910 und 1925, das er mit zum Teil demselben Personal in den 1956 erschienenen Dämonen fortschreibt. "Da gibt’s Hofräte und Huren, Arbeiter, Winzer, Diener, Salondamen – bevorzugt dicke Damen in den Caféhäusern beim Studium von Modemagazinen –, Banker, Erbinnen, Zeitungsredakteure, Zeichner, Kieberer, Mörder, Schulmädchen, Rittmeister, Wirtinnen, junge Wissenschaftler, die noch nicht genau wissen, wohin mit sich und ihrer Wissenschaft, Musiker, Polizisten, Kriegskrüppel, Kellner, eben so ziemlich alles, was in der Stadt Wien um 1927 ein Wesen hat und sein Unwesen treibt", schwärmt Sybille Lewitscharoff. In beide Romane sind aber auch, wie Thomas Zirnbauer bemerkt, "all die Turbulenzen eingegangen, die Doderer in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat: seine seelischen, sexuellen und politischen. Zu ihnen zählt die spannungsreiche Beziehung zu Gusti Hasterlik, der Kampf gegen den cholerischen Vater, der 'barbarische Irrtum', wie er später sagte, in der NSDAP einen gesellschaftlichen und politischen Ort finden zu können, den er 1940 mit der Konversion zum Katholizismus wettzumachen versucht."

1958 erhält Doderer den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Vier Jahre später erscheint sein komischstes Buch: Die Merowinger oder Die totale Familie. Vom geplanten vierteiligen Roman No. 7 wird nur der erste Teil abgeschlossen: "Wer noch nie Doderer gelesen hat, beginne die Lektüre mit dem letzten vollendeten Roman, dem makellosen Kristall seiner Altersweisheit, Die Wasserfälle von Slunj", empfiehlt Eva Menasse, die über diesen aus dem prallen Leben schöpfenden Schriftsteller sagt: "Heimito von Doderer war ein Schrull, ein Kauz, ein wahrlich in mancher Hinsicht unsympathischer Zeitgenosse. Aber Doderer ist ein Gott der Literatur." Am 23. Dezember 1966 stirbt Franz Carl Heimito Ritter von Doderer nach einer erfolglosen Darmkrebsoperation.

Text: Teresa Löwe-Bahners

„Als Thomas Mann von sich sagte ‚nach mir wird lange keiner kommen‘, da wusste er nicht, dass der große Romanautor nach ihm schon da war: Heimito von Doderer, dessen große epische Symphonie „Die Dämonen“ nicht aus der Philosophie, sondern aus Meditation und Anschauung geboren ist und der deutschsprachigen Romanschriftstellerei die Zukunft eröffnet hat.“ Martin Mosebach

„Dieser Tausendsassa konnte einfach alles: Atmosphären, Wetterlagen, Landschaften, Gesichter, Häuserzeilen, Wohnungen, Körperhaltungen, Wirtshäuser, Viecher, das politische, philosophische und lebenspraktische Gedankenschießen in den Köpfen seiner Figuren, Reflexionen des Autors dazu als gewitzter Dreh obenauf – er kann’s!“ Sibylle Lewitscharoff