Roeck, Bernd

Ketzer, Künstler und Dämonen

Die Welten des Goldschmieds David Altenstetter


Jemand musste David Altenstetter verleumdet haben. Statt in die Kirche, so hieß es, gehe er des Nachts zu geheimen Konventen in den Wäldern außerhalb der Stadt. Die Obrigkeit schickt ihre Schergen aus, um den berühmten Goldschmied in Ketten zu legen. Altenstetter weiß: Wer der Ketzerei überführt wird, muss brennen. Es beginnt ein Verhör auf Leben und Tod ...
Augsburg im späten 16. Jahrhundert war der Ort eines prekären Gleichgewichts. Nicht nur haderten die beiden großen Konfessionen miteinander um die Deutung der menschlichen Existenz und die weltliche Macht. Die Menschen waren auch hin- und hergerissen zwischen christlichen und magischen Vorstellungen. Geister, Werwölfe und Untote bevölkerten die Traumlandschaften der Zeitgenossen, Pest und Türkengefahr nährten Phantasien vom drohenden Weltende. Bernd Roeck macht sich auf die Spurensuche jener schillernd sinistren Welt der Frühen Neuzeit. Indem er Stück für Stück die Biographie des brillanten Goldschmieds David Altenstetter rekonstruiert, macht er das Leben in einer deutschen Stadt mit allen Sinnen erfahrbar und führt in die längst verdrängte spirituelle Geschichte des 16. Jahrhunderts ein. Roecks Buch ist nicht weniger als eine glänzend erzählte archäologische Reise ins Unbewusste der europäischen Kultur.

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Bibliografie

978-3-406-59171-6

Erschienen am 22. September 2009

288 S.

Gebunden

Hardcover 24,90 € Kaufen
Inhalt
I Prolog: Von Kannibalen und Inquisitoren
Der geköpfte Reiter – Lob der Urgichten – Triumph der Steuerbücher – Das Millionen-Dollar-Häppchen

II Wanderjahre
Colmar – Verwehte Spuren – Ausbildung – Im Zeichen des Pyr – Von Läusen und Menschen

III Goldschmied in eiserner Zeit
Wolkenphantasien – Bruder Hunger – Heirat – Die Zöllnerin – Paten – Um Arbeit und Brot

IV Das unbekannte Meisterwerk
Erfolg – Der Agent des Herzogs – Magische Waffen – Ein verlorenes Wunder – Die Hand des Kaisers

V Eine Welt, gegründet auf den Wind
Bilder und Schatten – Werkstatt-Idyllen – Vanitas – Kalenderstreit – Im Zeitalter der Angst

VI Jenseits des Chaos: Alltage und Festtage
Tagesläufe, Nachtgefahren – Traumzeit – Herzarbeit und Gänsemord – «Undern Weschen»

VII Freunde, Feinde, Auftraggeber
Drauschs Rückkehr – Vorgeher – Hammer, nicht Amboß: Der «Uhrenstreit» – Kunst für die Fugger – Altenstetters Freunde: Handwerker, Ärzte und ein singender Notar

VIII Auf Messers Schneide
Unter Verdacht – «… der Religion halben frei» – Täufer? – In den Eisen

IX Der lesende Handwerker
Küenles Bekenntnis – Unter dem Streckgalgen – Lektüren

X Im Banne Schwenckfelds
«Schwärmer, aufrührerische Geister, Sektierer, Träumer» – Bücherverbrennung
– Jenseits der Konfessionen – Altenstetter und die Schwenckfelder

XI Die heilige Stadt
Die Milde der Pfeffersäcke – Der Zauberkreis – Die Stadt als Gleichnis

XII Die Musik der Ewigkeit
Sternenkinder – Wege ins Empyreum – Plaudern mit Gott – Die Kraft der Worte – Ein Spaziergang mit Dr. Spreng – Erben des Paracelsus – Seelenträume

XIII Das Geheimnis des Holzhauses
Lebensspuren: Eine Anatomie der Netzwerke – Chefalchemist des
Fugger-Konzerns? – In des Nathans Garten

XIV Die Rückkehr der Götter
Bauen gegen die Not – Gottlose Wassergötzen – Grotesken! – Götter der Hölle – Topographien des Erlaubten – Anarchie und Ordnung

XV Eine Reise nach Prag
Email für den Kaiser – Die magische Stadt – Das Hradschin-Universum – Kammergoldschmied

XVI Über das Glück der Arbeit
Die Goldschmiedin von Münsterschwarzach – Ruskins Frage – Benvenuto Cellini über eine «wunderschöne Kunst» – Der Stümper

XVII Die Kunst als Welt
Augenlust und Langeweile – Eine geborstene Realität – Kunst, die aus der Kälte kommt

XVIII Traumwerk
Gebannte Dämonen? – Im Zwielichtreich – Altenstetter, Duchamp, Beuys – Altenstetters Altertum

XIX Altenstetters Brüder und Schwestern
Ein letztes Bekenntnis – Im Zeitalter Fausts – Unwissende – Konvertiten – Zweifler und Sucher – Träume vom Frieden – Die Rede der Politiker

XX Das Fastnachtsspiel Gottes
Die letzten Schwenckfelder – Gegenreformation – Der Katastrophe entgegen – Ein deutscher Totentanz – Altenstetters Epitaph

Anhang
Anmerkungen – Bildnachweis – Abkürzungen – Quellen,Literatur – Dank – Personenregister
Pressestimmen

Pressestimmen

"So lustvoll spekuliert Roeck über die Beziehungsnetze des Goldschmieds, dass die Stadt des späten 16. Jahrhunderts als ebenso derbes wie feinziseliertes Diorama vor dem Leser ausgebreitet wird. Gäbe es 3D-Kinos in Buchform, Roeck hätte eins geschrieben – Soundeffekte, Geruchsproben und Wetteranimationen inklusive."
Jutta Person, Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2010



"Obwohl Roeck seiner Phantasie kaum Zurückhaltung auferlegt, hat er keinen historischen Roman geschrieben. Jedes archivalische Indiz ist sorgfältig aufgeführt,  zwischen Verbürgtem und Vermutetem wird klar unterschieden."
Caspar Hirsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. März 2010



"Gottsucher und Künstler, Alchemisten, Gelehrte und ein melancholischer Fürst begegnen dem Leser in der neuen Studie des an der Universität Zürich lehrenden Historikers Bernd Roeck. Schauplatz ist das frühneuzeitliche Augsburg, das der Renaissance-Spezialist aus früheren Studien wie seine Westentasche kennt und das er nun, in Farbe gefasst, aufleben lässt. (...)
[Roeck schweift] durch das Augsburg der Dissidenten und Handwerker, deckt das Funktionieren von Kunstmärkten auf, erzählt von Ängsten und Hunger, bringt die Geister der Toten mit den Dämonen des Grotesken-Stils zusammen. So zieht er Sinn aus Steuerbüchern und Verhörprotokollen, belebt Stiche und Pulverflaschen und holt eine zerrissene Zeit in die Gegenwart."
Neue Zürcher Zeitung, 23. September 2009



"Ein fantastisches Buch."
Markus Krischer, Focus, 12. April 2009



"Das Buch weist die für Bernd Roeck so charakteristische Mischung aus innovativer Forschung und einer lebendigen Darstellung auf - eine Mischung, die das Buch sowohl für ein allgemeines Publikum als auch für Spezialisten zugänglich macht."
Peter Burke, 22. Januar 2010



"Professionelle Frühneuzeit-Historiker, die für eine breite Leserschaft verständlich und fesselnd schreiben können, ohne ihre wissenschaftlichen Standards aufzugeben, sind nach wie vor selten. Der Zürcher Ordinarius Bernd Roeck zählt zweifellos zu ihnen. (...)
Bernd Roecks Erzählung erschließt auf faszinierende Weise eine historische Welt neu, die gleichzeitig von diesseitiger Lust und jenseitigem Eifer geprägt war und deshalb existenzielle Widersprüche aushalten musste."
Wolfgang E.J. Weber, Die Zeit, 31. März 2010



"(...) ausgesprochen dicht und farbig."
Geneviève Lüscher, Neue Zürcher Zeitung, 29. November 2009