Der Wintersoldat, Leseprobe

Er winkte Lucius zu sich und drückte ihm die Zügel des einen Pferdes in die Hand, ehe er das andere nach draußen führte; sein Schweif fegte über die Frauen, als es unter dem Habsburger Doppeladler über der Tür nach draußen trabte.
Lucius zog an den Zügeln, doch sein Pferd rührte sich nicht vom Fleck. Mit der einen Hand – seiner gebrochenen – strich er über den Hals des Tieres, während er mit der anderen am Zaum zog. «Komm», flüsterte er, erst auf Deutsch, dann auf Polnisch, während das Pferd die Hinterhufe aus dem gefrorenen Pferdemist löste. Zu dem Husaren, der in der Tür stand, sagte er: «Sie haben lange genug gewartet.» Mehr sagte er nicht. Draußen zog sich der Husar eine Ledermaske mit Schlitzen für Augen und Nase über das Gesicht und hievte sich auf sein Ross. Lucius folgte ihm, den Rucksack auf dem Rücken, und versuchte sich den Schal vors Gesicht zu schlingen. Die Frauen blickten zu ihnen hinaus, bis der Husar sein Pferd herumriss und die Tür zutrat. Eure Söhne werden nicht kommen, hätte er ihnen am liebsten zugerufen. Jedenfalls nicht in dem Zustand, in dem ihr sie wiedersehen möchtet. Es gab kaum einen Mann mit zwei Beinen, der dieser Tage nicht versuchte, die russische Belagerung von Przemyśl zu beenden.
Wortlos trabte der Husar Richtung Norden, den Säbel an der Seite; das lange Gewehr lag quer über seinem Sattel. Lucius sah zu den Gleisen zurück, doch der Zug war verschwunden. Frischer Schnee lag auf den Schienen. Lucius ritt hinter ihm. Die Hufe seines Pferdes klapperten auf der gefrorenen Erde. Der Himmel war grau, und in der Ferne ragten die Berge auf. Irgendwo dort lag Lemnowice, lag das Regimentslazarett der Dritten Armee, in dem er dienen sollte.

***

Er war zweiundzwanzig Jahre alt, ruhelos und hatte eine natürliche Abneigung gegen Autorität. Voller Ungeduld sah er dem Ende seiner Ausbildung entgegen. Drei Jahre hatte er in Bibliotheken über seinen Studien zugebracht, sich mit geradezu mönchischem Ernst der Medizin gewidmet. Die Ränder seiner Bücher wimmelten von unzähligen Peküre-Papieren, dünnen Lesezeichen, die er mit der Hand eingeklebt hatte. In den großen Hörsälen hatte er auf Laternendias gesehen, was Typhus, Scharlach, Tuberkulose und Pest anrichten konnten. Er hatte sich die Symptome von Kokainismus und Hysterie eingeprägt, wusste, dass der Atem bei Blausäurevergiftungen nach Bittermandeln roch und man das Geräusch einer Aortenklappenstenose am Hals hören konnte. Mit Krawatte und frisch gebügelter Jacke hatte er stundenlang aus schwindelerregender Höhe in das Amphitheater der chirurgischen Akademie gestarrt, sich den Hals verdreht, um zwischen seinen Kommilitonen hindurchsehen zu können, über die akkurat gekämmten Köpfe der älteren Studenten, der Juniorprofessoren, der Assistenten des Chirurgen hinweg einen Blick auf das Operationstuch, die Inzision zu erhaschen. Als der Krieg ausgebrochen war, hatte er jede Nacht von dem riesigen Saal in der Universität geträumt, endlose, zermürbende Träume, in denen er unmögliche Organe, halb vom Menschen, halb vom Schwein stammend, aus Leibern operierte (sie hatten an Fleischerabfällen geübt). Eines Nachts, als er von der Exstirpation einer Gallenblase geträumt hatte, war ihm die feuchte, bleiern warme Leber so echt vorgekommen, dass er mit dem Gedanken erwacht war, eine solche Operation problemlos selbst durchführen zu können. 
So groß seine Hingabe auch sein mochte, ihr Ursprung blieb ein Rätsel. Als Kind hatte er die Wachsleichen im anatomischen Museum bestaunt, aber seine Brüder hatten das genauso getan und trotzdem hatte sich keiner der Kunst des Hippokrates zugewandt. In seiner Familie gab es keine Ärzte, weder unter den Krzelewskis Südpolens noch in der Verwandtschaft seiner Mutter. Zuweilen war er gezwungen, sich bei irgendeinem unerträglichen Empfang von einem hochnäsigen Dämchen anzuhören, dass die Medizin eine edle Berufung sei und er eines Tages für seine Güte belohnt werden würde. Doch Güte war nicht sein Motiv. Was ihn antrieb, war die Freude am Studieren selbst, jedenfalls war das seine Antwort. Religiöse Hingabe war ihm fremd, und doch fand er die Worte in der Religion: Offenbarung, Epiphanie, das Wunder Gottes in der Schöpfung und, weitergedacht, die Katastrophe, wie Gottes Geschöpfe gescheitert waren.
Am Studium selbst: Zumindest war das die Antwort, die er sich in Momenten größter Euphorie zu geben pflegte. Doch gab es noch einen anderen Grund, warum er sich der Medizin zugewandt hatte, auch wenn er sich diesen nur in Stunden des Selbstzweifels eingestand. Nämlich zwei andere Studenten, die er seine Freunde nannte, Feuermann, den Sohn eines Schneiders, und Kaminski, der, um älter zu wirken, eine Brille ohne Gläser trug und mit einem Stipendium der Barmherzigen Schwestern studierte. Auch wenn sie nie darüber sprachen, wusste Lucius, dass sie Medizin studierten, weil sie sich – beide aus dem Elendsviertel Leopoldstadt – davon sozialen Aufstieg versprachen. Lucius’ Vater hingegen entstammte einer alten polnischen Familie, deren Mitglieder sich als Nachfahren des Japhet, Sohn des Noah (ja, jenes Noah), betrachteten, und durch die Adern seiner Mutter floss das blaue Blut von Jan Sobieski, dem großen Befreier von Wien und Retter der westlichen Zivilisation, Jan Sobieski, König von Polen, Großfürst von Litauen, Ruthenien, Preußen, Masowien, Samogitien, Livland, Smolensk, Kiew, Wolhynien etc. etc.; weshalb ein derartiger «Aufstieg» für Lucius nichts anderes als ein Abstieg war.
Nein, von Anfang an hatte er sich ihnen nicht zugehörig gefühlt – als ungewolltes sechstes Kind geboren, Jahre nachdem der Arzt seiner Mutter erklärt hatte, dass sie keine Kinder mehr empfangen konnte. Wäre er nicht das Ebenbild seines Vaters gewesen – hochgewachsen, mit Riesenpranken und einer Haut weiß wie Alabaster, einem blonden Haarschopf, der eines Isländers würdig gewesen wäre, und den buschigen Augenbrauen eines alten Mannes, die er schon als kleiner Junge gehabt hatte –, hätte er sich womöglich gefragt, ob er nicht von jemand anderem stammte. Doch die Flecken auf den Wangen, die seinem Vater die Aura eines Recken verliehen, der gerade seinen Turnierhelm abgenommen hatte, wirkten bei Lucius stets, als wäre ihm etwas furchtbar peinlich. Und die Anmut, die Ungezwungenheit, die Energie, mit der sich seine Brüder und Schwestern auf den Empfängen seiner Mutter bewegten, blieb ihm völlig fremd; jegliche Form von Spontaneität ging ihm komplett ab, und es half auch nichts, wenn er sich vorab Themen zum Plaudern notierte oder sich einen Stein in die Hosentasche steckte, der ihn daran erinnern sollte, freundlich zu lächeln. Vor den Abendgesellschaften schlich er durch den Salon, verknüpfte mit jedem Kunstgegenstand einen Gesprächsstoff, mit dem Porträt von Sobieski die kommenden Ferien, mit der Chopin-Büste die Frage nach dem werten Befinden seines Gesprächspartners. Doch ganz gleich, wie minutiös er sich vorbereitete, war da doch immer dieser winzige Moment, dieser Sekundenbruchteil des Zögerns, bevor er etwas über die Lippen brachte. Mühelos glitt er durch das Hin und Her sich bauschender Kleider und  Feldmarschallhosen mit messerscharfen Bügelfalten, doch sobald er sich einer Gruppe anderer Kinder näherte, erstarb ihr Gelächter.
Er fragte sich, ob man sein Unbehagen bemerkt hätte, wäre er an einem anderen Ort aufgewachsen, in einer anderen, stilleren Zeit, unter anderen, leiseren Menschen. Doch in Wien, unter den Schwatzhaften, wo man die Oberflächlichkeit zum Glaubensbekenntnis erhoben hatte, sah man ihm sofort den Zauderer an. Lucius: Schon der Name, den sein Vater ihm gegeben hatte, nach den legendären Herrschern Roms, war der blanke Hohn; er war alles andere als ein lichtes Gemüt. Schließlich – um seinen dreizehnten Geburtstag herum – schüchterte ihn der Unmut seiner Mutter, mehr noch, sein immer stärker werdendes Zagen so sehr ein, dass sich seine Unsicherheit im Beben seiner Lippen, dem nervösen Zucken seiner Finger und zuletzt einem Stottern manifestierte.
Zunächst bezichtigte sie ihn, das Stammeln nur vorzuschützen. Nur Kinder würden stottern, hatte sie gesagt, aber nicht mehr Jungen seines Alters. Tatsächlich stotterte er nicht, wenn er allein war, auch nicht, wenn er von seinen Wissenschaftsjournalen oder dem Vogelnest vor seinem Fenster erzählte, und ebenso wenig im Aquarienhaus des Tiergartens Schönbrunn, wo er stundenlang die Grottenolme betrachtete, blinde, aus dem Süden des Kaiserreichs stammende Salamander mit durchscheinender Haut, in deren Adern man das Blut pulsieren sehen konnte.
Zuletzt aber schien sie ihm doch zuzubilligen, dass womöglich etwas nicht stimmte, und ließ einen Sprachexperten aus München kommen, berühmt für sein Lehrbuch der Sprach – und Sprechstörungen und eine Vorrichtung aus Metall, den sogenannten Zungenapparat, der Labial-, Palatal- und Glottallaute voneinander isolierte und Heilung versprach.
Der Doktor traf an einem warmen Sommermorgen ein; er kaute an einem Niednagel herum, nahm den Jungen in Augenschein, tastete seinen Hals ab und spähte in seine Ohren. Lucius saß still da, während der Doktor irgendwelche Messungen anstellte, mit sauren Fingern seinen Gaumen untersuchte; seine Mutter begann sich zu langweilen und ließ sie allein. Schließlich kam der Apparat zum Einsatz, und der Doktor instruierte ihn, «Mein Vater war ein Wandersmann» zu singen.
Er versuchte sein Bestes. Eine Klammer riss an seiner Unterlippe, und die Zungenhalter zerschnitten ihm den Mund, sodass er Blut spuckte. «Lauter!», rief der Doktor. «Es funktioniert!» Als seine Mutter zurückkam, bellte Lucius wie ein Hund, roten Schaum vor dem Mund. Sein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her – Mutter, Doktor, Mutter, Doktor –, während seine Mutter mit jeder Sekunde größer und zornesröter, der Doktor kleiner und blasser zu werden schien. Tja, die Suppe dürfen Sie jetzt schön auslöffeln, dachte er, den Blick auf den Kerl gerichtet. Und dann begann er zu kichern – gar nicht so leicht, wenn man in einem Zungenapparat steckte –, während der Doktor seine Utensilien zusammenkramte und die Flucht ergriff.
Ein zweiter Arzt versuchte vergeblich, ihn zu hypnotisieren, und verschrieb Hering, um den Mund feucht zu halten. Ein dritter schloss die Hand um seine Hoden, erklärte sie für zureichend entwickelt, doch als der Junge angesichts der sinnenfrohen Leibesübungen in einer illustrierten Ausgabe von Die wahren Geheimnisse der Klosterschülerinnen keine Reaktion zeigte, griff er nach seinem Notizbuch und kritzelte «Unterfunktion der Genitalia» hinein. Dann tuschelte er mit Lucius’ Mutter.
Diese wiederum sorgte dafür, dass sein Vater ihn eine Woche später in ein Haus brachte, das, von Amts wegen als syphilisfrei erklärt, auf Jungfrauen spezialisiert war, wo er in die luxuriöse Ludwig-II.-Suite gesperrt wurde, zusammen mit einem kroatischen Bauernmädchen, das wie eine Sängerin aus der Opera buffa ausstaffiert war. Da sie aus dem Süden stammte, fragte Lucius sie, ob sie schon einmal vom Grottenolm gehört hatte, und schon hellte sich ihr verängstigtes Gesicht auf. Ihr Vater hatte die kleinen Salamander einst gefangen und an Aquarien im ganzen Kaiserreich verkauft. Und dann staunten die beiden über diese zufällige Übereinstimmung ihrer Leben, während Lucius erzählte, dass just in jener Woche eins seiner Lieblingsexemplare in Schönbrunn gelaicht hatte.
Als sein Vater hinterher fragte, ob er es getan habe, erwiderte Lucius: «Ja, Vater.» Worauf sein Vater sagte: «Ich glaube dir nicht. Was hast du getan?» Lucius: «Das, was ich tun sollte.» Sein Vater: «Nämlich was?» Lucius: «Was ich gelernt habe.» Sein Vater wiederum: «Und was hast du gelernt, Junge?» Worauf Lucius, der sich an einen Roman von einer seiner Schwestern erinnerte, antwortete: «Glutvoll und leidenschaftlich, so muss es sein.»
«Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm», sagte sein Vater. Schweigend ertrug er die Empfänge seiner Eltern, bis sie ihm zu gehen erlaubten. Am liebsten wäre er überhaupt nicht hingegangen, doch seine Mutter wandte ein, die Gäste würden sonst denken, sie sei wie Walentyna Rozorowska, die ihre verkrüppelte Tochter in einer Holzkiste versteckte, weshalb Lucius brav an ihrer Seite verharrte, während sie die Gäste begrüßte. Sie war überaus stolz auf ihre schmale Taille, und zuweilen argwöhnte er, dass sie ihn deshalb so gern vorführte, weil sie nichts lieber hörte, als wenn eine andere Frau sagte: «Agnieszka, sechs Kinder und immer noch so gertenschlank! Wie ist das denn nur möglich?»
Fischbein!, wäre Lucius dann am liebsten herausgeplatzt. Diese Art der Konversation war ihm zutiefst zuwider. Derartige Bemerkungen über seine Geburt fand er schlicht vulgär; es war, als würden die anderen Frauen Lobgesänge auf die Genitalien seiner Mutter anstimmen. Was für eine Erleichterung, wenn sie dann auf Musik und Architektur zu sprechen kam, sich angeregt mit Fabrikantengattinnen über die letzten Reisen ihrer Gemahle unterhielt; erst Jahre später hatte er begriffen, wie berechnend, ja skrupellos ihre Fragen gewesen waren. Der König ist stets auf der Jagd und die Königin stets guter Hoffnung, lautete, frei nach Goethe, ein Bonmot über seine Familie. Tja, aber in so mancher Hinsicht ist die Königin beides, dachte er. Sein naschsüchtiger Vater, Major bei den Ulanen, war  bei der Schlacht von Custozza durch einen Schuss in die Hüfte verwundet worden und hatte eigentlich vorgehabt, sich für den Rest seines Lebens auf seinem Standort in Krakau einen schönen Lenz zu machen, Sliwowitz zu trinken und Handschatten zu üben, mit denen er seine Kinder erschrecken konnte. Das Ende seines beschaulichen Daseins fürchtend, hatte der Kriegsheld die brachliegenden Bergwerke seiner Familie Lucius’ Mutter gegenüber ein gutes Jahrzehnt lang als nicht weiter erwähnenswert heruntergespielt. Eisen? Dort? Außer Fledermausdung gibt’s da nichts zu holen. Kupfer? Ach, Liebling, das ist nichts weiter als ein albernes Gerücht. Zinkvorkommen? Wer hat dir denn das erzählt?