Hans Pleschinski im Interview mit seinem Lektor Martin Hielscher

M. H.: Ihr Roman "Wiesenstein" beschäftigt sich mit der Rolle und dem Schicksal Gerhart Hauptmanns, mit seinem Leben in der Villa Wiesenstein in Schlesien und den Schrecknissen, die ihm mit dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des Nazireiches drohten. Der Roman widmet sich in eleganten Szenen auch dem Werk dieses großen Schriftstellers und Nobelpreisträgers, eines Weggefährten und auch Gegenspielers Thomas Manns, der Hauptmann im «Zauberberg» als Mijnheer Peeperkorn karikierend beschreibt. Nun haben Sie Thomas Mann, ebenfalls Nobelpreisträger, der sich bewusst gegen Hitler stellte und ins Exil ging, zum Mittelpunkt Ihres erfolgreichen Romans «Königsallee» gemacht. Wollten Sie bewusst diese beiden großen Autoren, ähnlich erfolgreich und epocheprägend, aber in ihrem gesellschaftlichen Handeln und in ihrem Verhalten zum Dritten Reich geradezu Gegenpole, jeweils zum Gegenstand eines Romans machen?

H. P.: Nein, ich hatte nie geplant, diese beiden Stars der Weltliteratur in Abfolge zu schildern und gegeneinander abzuwägen. Wobei ich zum Begriff ‹Star› gleich noch sagen möchte, dass er nicht äußerlich ist. ‹Star› wird man nur, wenn eine echte künstlerische Substanz im Spiel ist. Zigtausende Menschen, Namen, Künstler sind vergessen: Es ist bereits ungeheuerlich, wenn aus dieser Masse von zu Recht oder zu Unrecht vergessenen Schriftsteller wie Thomas Mann und Gerhart Hauptmann weiterhin bekannt, ja geläufig sind, und zwar weltweit. Das ist dann wahrer und mühsam erworbener Ruhm.Die Lebensläufe, die Werke von Mann und Hauptmann gegeneinander abzuwägen, wäre ein nur literaturtheoretisches Unterfangen. Das interessiert mich nicht sonderlich, denn ich bin ein Erzähler. Bei der Beschäftigung mit diesen beiden Größen – und ich möchte nun Gerhart Hauptmann an erster Stelle nennen – gaben Zufälle, Funde, Entdeckungen den Ausschlag, sie in ein Romangeschehen zu überführen. Dabei ist natürlich unabweislich, dass man bei der Beschäftigung mit diesen Kollegen, Rivalen massiv auch deutsche Geschichte miterzählen kann und muss. Das ist eine große Herausforderung. Beide Dichter sind nicht nur intensiv in die jüngere deutsche Geschichte involviert, nein, sie prägten sie auch. Das fesselt mich. Beide gleichen Thermometern, an denen man den Hitzegrad, den Zustand Deutschlands, manchmal Europas, der Welt ablesen kann. Dazu kommen natürlich noch die Werke Hauptmanns und Manns – was für eine Namensverwandtschaft! –, die immer im höchsten Maße lesenswert, entdeckenswert sind. Solange Menschen noch lesen, und nur durch Lesen kann der Mensch Genaueres auch über sich selbst erfahren!
Durch meine Romane ‹Königsallee› und nun ‹Wiesenstein› sind zwei Lebensporträts, Schicksalsbilder, nebenher Geschichtswerke entstanden, die einander ergänzen, miteinander verschränkt sind. Und ich hoffe, auf spannende Weise. Gerhart Hauptmann ist der Ältere, seine Lebensgeschichte, sein Lebensweg beginnen früher. Thomas Mann reichte lebend noch bis in die Nachkriegszeit. So übergibt der eine sozusagen die Fackel an den anderen, trotz der Konkurrenz zwischen den beiden. Sie waren – im geistigen Bereich – geradezu deutsche Kanzler und regierten länger als die politischen Kanzler.
Wie Hauptmann und Mann zueinander standen – Thomas Mann hasste das «Haupt-» im Namen des Kollegen, fühlte sich dadurch degradiert –, spielt selbstverständlich eine Rolle in ‹Wiesenstein›. Aber beide waren in erster Linie ziemlich souverän sie selbst und beschäftigten sich nur gelegentlich miteinander. Was natürlich auch spannend ist: Mann neidete Hauptmann den früher erhaltenen Nobelpreis, Hauptmann würdigte durchaus die erzählerische Größe Manns. Sie rieben sich manchmal aneinander, sogar heftig, achteten sich aber auch. Es ist bekannt, dass Mann im ‹Zauberberg› Hauptmann als Mijnheer Peeperkorn verulkte, verunglimpfte, was Hauptmann furchtbar verletzte; ich fand heraus, dass im Hause Hauptmann Mann hingegen nur als «Dr. Spitz» bezeichnet wurde, also als spitzfindiger Spitzenklöppler von Sätzen. Der eine, Mann, war eher zerebral, der andere, Hauptmann, oft vulkanisch. – Gut, dass wir beide haben! Das ist ein geistiger Reichtum.

 



M. H.: Sie lassen vor allem das reiche, luxuriöse Leben der Hauptmanns in der Villa Wiesenstein vor uns erstehen, ein Leben zunehmend in Gefahr und am Abgrund. Hauptmann, der hohe Einnahmen aus den Tantiemen der Aufführungen seiner Stücke und Publikationen bezog, lebte mit Butler und Zofe, Köchin und Gärtner, Sekretärin und Masseur, einem Archivar und ständigen Gästen, mit einer ganzen Entourage in einem geradezu opulenten Haushalt. Sind es authentische Figuren, die Sie dort erscheinen und agieren lassen? Und wie sind Sie bei Ihrer Recherche vorgegangen? Wie stellt sich Ihnen auch ästhetisch diese Verbindung von Dokumentarischem und dessen Entfaltung zum Roman dar? Das gilt ja auch für «Königsallee» …

H. P.: Wenn ich den Buchstoff gesammelt habe, überlege ich nicht lange, will auch nicht präzise planen, wie ich das vorgegebene Material, den Rohstoff in Fluss bringe. Es muss sich wie von selbst erzählen, ich bin nur der Sekretär. So war es auch bei ‹Wiesenstein›; bei minutiöser Vorplanung hätte ich von vornherein aufgeben müssen.
Es war unabweislich, dass ich mit dem Ende Gerhart Hauptmanns auch das Ende des Zweiten Weltkriegs, den Untergang des alten Schlesien miterzählen musste, dazu das Werk Hauptmanns zu vergegenwärtigen hatte. Ein erster Satz, der mir in den Sinn kommt, den ich nicht loswerde, dreht bei mir immer den Schlüssel eines Romantors um, und es öffnet sich. Hier war es der Satz: «Der Opel Blitz kroch über die Mordgrundbrücke.» Danach müssen Situationen, Gespräche, Schilderungen den Roman erschaffen. Ich selbst habe nicht immer im Griff, was die Figuren sagen, was sie tun. Sie sind schier so selbstständig wie ich, wir wandern gemeinsam bis zur letzten Seite und sind dann erschöpft. In ‹Wiesenstein› habe ich auch viele Dokumente, die Tagebücher der Hauptmanns einbezogen; ich musste und wollte kaum etwas phantasieren, die Fakten allein bilden ungeheure Handlungskatarakte. Etliche Szenen des Grauens in Schlesien wollte ich nicht selbst halluzinieren, als Nachgeborener, insbesondere dann lasse ich Augenzeugen sprechen, sie sind näher am Geschehen, ja, mitten in ihm. 
‹Wiesenstein› sollte so wenig wie möglich Erfindung sein, das wäre Verrat am Wirklichen gewesen. Auch die meisten Personen sind authentisch, der desertierte Wehrmachtsmasseur, die Sekretärin, der Archivar, Flüchtlinge in der Villa. Was dort geschah, erlebt und durchlebt wurde, ist atemverschlagend. Ich habe versucht, es zu erzählen. 

M. H.: Was war Ihr Ausgangspunkt für «Wiesenstein»? Was hat den Schreibimpuls ausgelöst? Und stand hier, ähnlich wie bei «Königsallee», auch die Entdeckung von unveröffentlichtem Material, in diesem Falle der Tagebücher von Gerhart und Margarete Hauptmann, am Anfang?

H. P.: Man liest so dies und das, immer gibt es irgendein Blättern in Büchern, so auch vor fünf, sechs Jahren, ohne sonderliches Ziel. Und ich weiß nicht mehr, wann und wo exakt ich auf die Mitteilung stieß, dass Margarete Hauptmann, die Gattin Gerhart Hauptmanns, «sich Augenkuren unterzog». Augenkuren? – Ich stutzte bei dem Begriff. Was waren, was sind Augenkuren? Muss sich ein Patient bei solcher Kur stundenlang in einen dunklen Raum setzen? Muss er viereinhalb Stunden möglichst gedankenlos ins Grüne schauen? Rätselhaft. 
Ich ging der Mitteilung nach und fand heraus, dass Margarete Hauptmann unter Netzhautablösung litt und dass es in Deutschland einen prominenten Mediziner gab, Maximilian von Wiser, der Gaskriegsopfer im Ersten Weltkrieg behandelt hatte. Bei ihm fand sich später die augenleidende Prominenz Europas ein, um mit Spezialtinkturen behandelt zu werden. Jahrelang reisten auch Hauptmanns zu Wiser nach Thüringen, dann in den Teutoburger Wald, um Linderung, Heilung zu suchen. Margarete kurte, und Gerhart dichtete währenddessen, er dichtete immer. Zudem machte das Ehepaar bei den Kuren Bekanntschaft mit Lords, polnischen Gräfinnen, halb blinden Herzögen. Es war ein medizinisch-geselliges Treiben in den Zwanzigerjahren. Also diese Geschichte machte mich hellhörig: Bei den Hauptmanns findet etwas Besonderes statt! 
Dann stieß ich darauf, dass in ihren Villen im Riesengebirge und auf Hiddensee – das dramatische Dramatiker-Ehepaar war sehr wohlhabend – die Abendessen in Frack und Abendrobe eingenommen wurden. Und das noch 1945! Absurd, einmalig! Was war das für ein Haushalt, fragte ich mich mehr und mehr. Wer waren Margarete und Gerhart Hauptmann in der Tiefe? Woher solcher Stil, solche Prominenz?
Denn an den opulenten, oft ausufernden Soireen im Riesengebirge nahmen meist illustre Gäste teil: Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Schauspieler, Sänger, Komponisten, Verleger. Es müssen höchst geistreiche Zechgelage gewesen sein, bis tief in die Nacht und in den Zweiten Weltkrieg hinein. Der Haushalt der Manns schien gegen die Hofhaltung Hauptmanns geradezu karg gewesen zu sein.
Das war alles neu für mich. Ja, und dann begann das Lesen, die Vertiefung – lange bevor ich den Plan zu meinem Thomas-Mann-Roman hatte. Ich drang in das Werk Gerhart Hauptmanns ein, in sein Leben, sein Schicksal. Und fürwahr: Dies Schicksal ist wie ein Donnerschlag nach dem anderen, über alle Gipfel des Lebens hinweg und durch alle Schlünde.
Davon musste ich erzählen, es gehörte erzählt, wer Gerhart Hauptmann war, was er leistete, wie er sich verirrte, wie unvergleichlich er und sein Werk – und sein Schicksal – sind. So näherte ich mich dem Roman ‹Wiesenstein›, und der Roman kam wie ein Gebirge auf mich zu. Bei den Recherchen, und mithilfe des vorzüglichen Hauptmann-Biographen Peter Sprengel, stieß ich auch auf die bisher unveröffentlichten Tagebücher von Gerhart und Margarete Hauptmann. Diese Tagebücher wurden sehr wichtig für die Struktur meines Romans, und sie sind oft verblüffenden Inhalts, zum Beispiel, wenn Margarete Hauptmann im Herbst 1945 notiert, dass mithilfe des Gongs, der sonst zu den Mahlzeiten rief, nun nachts, in Schlesien, Alarm wegen Plünderern, Mördern geschlagen wurde. – Die Geschehnisse in ‹Vom Winde verweht› sind fast eine Operette im Vergleich zu den Geschehnissen, die am Lebensende um das Ehepaar Hauptmann, verloren im Osten, tobten. – Erzählenswerteres kann man nicht finden, als Bericht, als Mahnung, als Schrecknis. 

M. H.: Dresden und Agnetendorf, die Villa «Wiesenstein» und die Ortschaften rundherum in diesem Teil Schlesiens – inwieweit war das eine vertraute und inwieweit eine neue Welt für Sie?

H. P.: Dresden habe ich schon als Kind kennengelernt, in den Sechzigerjahren, als ich vom Westen aus zu Ostverwandten in die DDR geschickt wurde.
Und Dresden hatte sofort einen unvergleichlichen Stellenwert für mich. Ich kam, kindlich ungeprägt, aus der Lüneburger Heide in die Stadt gigantischer schwarzer Ruinen und war zutiefst beeindruckt, hilflos erschüttert. Noch die Ruinen Dresdens kündeten von einem Reichtum, einem künstlerischen Geschmack, einer Hochkultur, von der ich keinen Begriff hatte. Ich stand starr vor den Trümmern des Schlosses, der Frauenkirche, dem finsteren Gemäuer der Semperoper. Was war hier geschehen, fragte ich mich. Wieso ist solche Schönheit gepaart mit solchem Grauen?
Mittlerweile kenne ich Dresden, seine Geschichte in- und auswendig, wie vielleicht ein Toskaner die Geschichte von Florenz kennt. In Dresden beginnt – nach authentischem Material – der Roman ‹Wiesenstein›. Er beginnt übrigens exakt in dem Moment, an dem Horst Bieneks ‹Gleiwitzer Tetralogie› endet, mit einem Auftritt Gerhart Hauptmanns. Diesen erstaunlichen Umstand entdeckte ich später.

M. H.: Und wie steht es mit Schlesien?

H.P.: Schlesien, das Riesengebirge, in dem ‹Wiesenstein› dann spielt, kannte ich nicht. Schlesien war für mich eine verschlossene ferne mythenreiche Landschaft im Osten. Ich machte mich, wie meistens, lesend kundig. Dann fuhr ich nach Görlitz, mietete mir ein Auto und erkundete Gerhart Hauptmanns Heimat und sein Domizil Wiesenstein. Das verlief alles sehr bewegend. Unendlich schön ist das Riesengebirge, es ist auch eine edle Gegend – die schlösserreichste Mitteleuropas –, wo von Königin Luise von Preußen bis hin zu Großindustriellen viele Wohlhabende ihre Ferienresidenzen bauten, Schloss Stonsdorf mit dem Stonsdorfer Likör ist noch sehr bekannt. Also, ich war verblüfft: eine herrliche Bergwelt, ehedem reiche Bürgerstädte, Lustbauten und der prächtige, trutzige Wohnsitz Gerhart Hauptmanns. Alles wie verwunschen. Durch den Krieg, seine Folgen gezeichnet, aber deswegen nicht weniger eindrucksvoll.
Sämtliche Polen, die ich dort traf, auch im schönen Gerhart-Hauptmann-Museum von Jagniątków/Agnetendorf waren freundlich, hilfsbereit, sind seit Langem Schlesier, während wir von Schlesiern noch eine ältere Vorstellung haben. Für mich wehte ein dreifacher Schleier vor der Landschaft, ihren Gebäuden, Menschen: Hinter einem sah ich das alte Schlesien vor dem Krieg, hinter dem anderen erahnt man die Grausamkeiten, die Gemetzel des Kriegs, den Jammer der Vertreibung, hinter dem dritten lebt das heutige Polen.
Drei Welten stülpen sich dort übereinander: die frühere deutsche, dann die der Katastrophe und schließlich die normale Gegenwart. Viel hardware dort stammt aus deutscher Zeit, die software sozusagen, das Leben, ist polnisch. Verwirrend bis in die Träume. Verblasste oder jetzt sogar renovierte, deutsche Inschriften, darunter seit Langem polnischer Alltag, wie Alltag in Freiburg oder Delmenhorst.
Der Aufenthalt war insgesamt sehr angenehm und aufschlussreich. Polen und ich, wir begegneten einander als EU-Bürger mit unterschiedlichen Hintergründen. Also, im Arbeitszimmer von Gerhart Hauptmann im Riesengebirge kann man sich nun im besten Sinne und voller Hoffnung mitsamt den anderen Besuchern als Europäer fühlen. Welcher Fortschritt! Möge es so bleiben. Schlesien, eine verwunschene, doch problemlos bereisbare Realität. Wer hätte das 1945 gedacht?
Im Roman erzähle ich, dass im Sommer 1945 allein aus den Straßengräben Schlesiens ungefähr neunzigtausend Leichen geborgen wurden: Wehrmacht, Flüchtlinge, Rotarmisten, Kinder, KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter … die sterblichen Überreste des Grauens durch deutsche Schuld. Gerhart Hauptmann hat das an seinem Lebensende alles gewahrt, gewahren müssen.

M. H.: Wie lange dauerten Ihre Recherchen insgesamt?

H. P.: Ach, fünf, sechs Jahre, mal mehr mal weniger intensiv.

M. H.: War das Werk Gerhart Hauptmanns zu Teilen auch Neuland für Sie? Der Roman öffnet ja die Augen für vieles, was man vergessen oder gar nicht gekannt hat, und ist eine Einladung auch an Menschen, Leser, die von Hauptmann vielleicht nur den Namen kennen. Trotz der Gerhart-Hauptmann-Schulen und Gerhart-Hauptmann-Straßen allerorten.

H. P.: Wie viele oder manche kannte ich durch Schullektüre, – ich weiß nicht, ob sie heute im Deutschunterricht noch gelesen wird –, Hauptmanns Erzählung ‹Bahnwärter Thiel›, ein Meisterwerk des Naturalismus, sodann ‹Die Weber›, das Drama über den Aufstand hungernder Proletarier gegen die Welt der Satten und Mächtigen. Die Dramen ‹Der Biberpelz› um die findige Diebin Mutter Wolffen, ‹Rose Bernd› über eine von den Männern geschundene Frau, die zur Kindsmörderin wird, waren mir geläufig, kamen ja auch im Fernsehen, mit Inge Meisel …, als Filme im Kino. Es gibt, wusste ich, die Tragödien ‹Vor Sonnenuntergang›, ‹Die Ratten›. Doch, doch, wenn man nachdenkt, geistert mehr Hauptmann durch den Kopf, als man meint: Die Stücke ‹Fuhrmann Henschel›, ehedem von Heinrich George, dann von Mario Adorf gespielt, ‹Und Pippa tanzt› werden immer wieder aufgeführt. Das ist bereits viel Nachruhm, Ruhm eines Dichters.
Ein Gesamteindruck seines Werks fehlte mir. Somit begann eine Lektürezeit, und die Werkausgabe, Dünndruck, umfasst elf Bände, zigtausende von Seiten, ohne die Korrespondenzen. Angesichts solcher Masse könnte man verzagen. Oder man bleibt wissbegierig und wird, wie stets, belohnt.
Mir bekannt, und wohl den meisten, war der naturalistische Gerhart Hauptmann, der den Leuten «aufs Maul schaute», radikal Alltag beschrieb, die Nöte der kleinen Leute zum Thema machte, revolutionär für Deutschland. Nach einem Stück des jungen Gerhart Hauptmann, ‹Vor Sonnenaufgang›, über Alkoholismus und dessen Folgen, kündigte Kaiser Wilhelm II. seine Loge im Deutschen Theater. Diese alltagsnahen Dramen und Erzählungen bleiben eindringlich und einmalig. Man nimmt teil an Glück und Sorgen unserer Vorfahren, und die Menschen haben sich seither natürlich nicht geändert. Neben dem ‹Bahnwärter Thiel› gibt es zum Beispiel auch die Erzählung ‹Fasching›, über den Tod eines Segelmachers, seiner Frau und beider Kind auf einem winterlichen See, – erschütternd. Und Hauptmann war sich seiner Neuartigkeit und seines Genies immer bewusst, im Grunde ein stolzer Einzelgänger mit einem furiosen Leben. Zuerst armer Schüler, dann Landwirt, dann Bildhauer, Bohemien, sodann Star. Der Erste, der in jungen Jahren einen Kranz am Grab Georg Büchners in Zürich niederlegte. Dann ein Faible hatte, Irrenhäuser zu besichtigen, sich in die Schicksale und Visionen vermeintlich Irrer zu vertiefen. Ein ewiger Erkunder.
Das mittlere und späte Werk Gerhart Hauptmanns, das sind Dutzende von Dramen, Gedichte, Romane, Reden, Essays, kannte ich nicht. Zu seinen Lebzeiten waren auch sie allbekannt, machten ihn zum populären Großschriftsteller, zum dichtenden «Volkskönig», wie Thomas Mann ihn nannte.
Dieses spätere Werk war für mich eine magische Reise. Denn Gerhart Hauptmann entwickelte sich mehr und mehr zu einem Mystiker, der Zauber, Rätselvolles, Exotisches, Unerhörtes in den Alltag einbringen wollte. So schrieb er einen Roman, ‹Atlantis›, der den Untergang der ‹Titanic› geradezu vorwegnahm und dessen Hauptfigur in die sagenhafte Stadt Atlantis gelangt. Hauptmann wagte in den Zwanzigerjahren einen Roman über eine Frauenrepublik im Pazifik, sensationell, ‹Die Insel der Großen Mutter›. Es existiert nichts Vergleichbares zumindest in der deutschen Literatur. Die Frau tritt an die Stelle des bis dahin beherrschenden Mannes.
In seinen Dramen, geradezu immer und überall gespielt, wurde er noch magischer, zauberischer, wollte er die Wirklichkeit durch Traumreiche erweitern. ‹Die Versunkene Glocke› spielt halb in einem Feenreich, wo Elfen und derbe Kobolde einen unseligen Glockengießer in ihren Bann ziehen. Puccini wollte dieses Drama vertonen, schließlich tat es Ottorini Respighi. Hauptmann wurde weltweit wahrgenommen, und sogar James Joyce übersetzte Stücke von ihm. Das alles hatte ich nicht gewusst, und ich war mehr als perplex.
Besonders verblüffte mich ein Epos in Hexametern und in achtzehn Gesängen, ‹Till Eulenspiegel›, ehedem von der edlen Cranach-Presse in Weimar herausgegeben. Hauptmanns Eulenspiegel ist gewiss eine der großen Dichtungen: Der Narr, ein Jagdflieger des Ersten Weltkriegs, der sich einem Massengrab entwindet, erkundet die vergangene und die moderne Welt, sieht die Erschießung der Zarenfamilie, erlebt Reichspräsident Ebert, trifft auf Bach und Händel und reitet schließlich auf einem Zentauren in die Unterwelt, um den Ursprung und den Sinn des Lebens zu erfahren. Hinreißend und schauerlich.


Till, wie Hauptmann selbst, ist angesichts der Schrecknisse der Welt am Ende geradezu Nihilist. Das Epos ist für meinen Roman sehr wichtig, doch ich versuche auch, andere Werke erzählend zu neuem Leben zu erwecken. Besonders ein bisher nicht gespielter Einakter, ‹Finsternisse›
aus den Dreißigerjahren, aus der Nazizeit, ist bedeutsam. Hauptmann schildert in ‹Finsternisse› eine jüdische Beisetzung und lässt die Propheten Klage über das Leid der Juden führen. Die Gestapo hätte dieses Drama nie finden dürfen, die BBC sendete es nach dem Krieg als Hörspiel. Alles überraschend.
Hauptmann selbst war, wie man weiß, ein Stotterer, aber beim Diktieren – er diktierte stets – gelangen ihm mit ungeheurer Sprachmacht makellose Verse. – Der Leser von ‹Wiesenstein› wird selbst beurteilen, wo Hauptmann ihn berauscht oder wo seine Wortgewalt einen annähernd überfordert. Es ist Literatur vor jener ‹Stunde null›, eine Literatur, in der noch das gesamte abendländische Wissen, oft mit mystischen Einschüben, ein letztes Mal aufblüht, wuchert, prangt. Bisweilen verlor Hauptmann sich auch in seinen Geschichten und Visionen, sie sollten oft geradezu das Leben erfassen. Gleichwohl finden sich stets meisterliche Passagen. Wie jeder war ich, bleibe ich natürlich irritiert von manchen national-martialischen Eruptionen Hauptmanns, wie kriegslüstern; damit stand er nicht allein, und er fand immer und oft sehr schnell ins Humanistische zurück.
Keine Frage, er ist einer der größten Dichter, die wir haben.

M. H.: Haben Sie einen Lieblingsvers oder ein Lieblingszitat von Gerhart Hauptmann parat?

H. P.: Nun, es gibt so viel und so Unterschiedliches. Von seinen Maximen, die er nachts auf der Schlafzimmerwand notierte, kommt mir in den Sinn: In jedem Menschen schläft ein Tanz. Viel Schönes findet sich in seiner Autobiographie Das Abenteuer meiner Jugend: Alles in der Natur schenkte sich mir: der Grashalm, die Blume, der Baum, die rote Maulbeere, alles und alles wurde mir zur Kostbarkeit. Wehmut schwingt in vielen seiner Gedichte mit:

Süße Luft und zartes Werden:
Wiesen, Wipfel, Waldeshöhen!
So viel blindes Glück auf Erden,
so viel Werden und Vergehen!
Herzen, die geflügelt singen:
welch ein Schmettern, welch ein Schwingen!
Überall, was herrlich waltet,
so in Baches stillem Eilen,
fühle, wie's die Welt gestaltet
im entschwindenden Verweilen …


Wie gesagt, es ist ein fast unerschöpfliches Werk.

M. H.: Ist das Leben und Wirken solcher «Geistesfürsten» mit ihren großen Haushalten und ihren Gefolgsleuten, ihren Ritualen, in manchen Fällen ihrem Reichtum und ihrem gesellschaftlichen Glanz nicht etwas sehr Vergangenes geworden? Sollten wir dem nachtrauern?

H. P.: Ein Nachtrauern hat meistens wenig Sinn. Wir leben bis jetzt hier in komfortablen, gesegneten Zeiten – besser als je unsere Vorfahren –, und ein Geistesfürst ist nur noch schwer vorstellbar. Die Welt,
auch die der Künstler, der Literatur, ist zu schnelllebig, wohl auch zu oberflächlich geworden, als dass sich noch Lenker des Geistes herausbilden könnten. Jeder, der kurzzeitig berühmt ist, wird vermarktet und lässt sich vermarkten für ein rasches Jetzt-bin-ich-berühmt, ich will davon profitieren, wie ich kann. Morgen wird es für die Medien ein anderes, kaum geprüftes Idol geben. Wir haben Fließbandberühmtheiten. Das ist natürlich nicht betörend. Von früheren Geistesfürsten wurde oft eine Orientierung für das eigene Leben erwartet, sie gaben Denkrichtungen vor, manchmal wie Priester. So gesehen ist eine heutige Selbstbestimmtheit gar nicht schlecht.

M. H.: Gerhart Hauptmann, Thomas Mann standen für deutsche Hochkultur. Tja, wohin ist sie?

H.P.: Das Nationale, Begrenzte ist – trotz mancher übler Gegenzuckungen – im Sog der Globalisierung allerorten im Schwinden begriffen. Zudem scheint die Literatur eine hintere Instanz geworden zu sein, die in der Öffentlichkeit noch zum Werdegang der Welt befragt wird. Was wäre ein Geistesfürst gegen einen Banker; bereits die Politiker sind gegenüber den Finanzmagnaten ohnmächtig geworden. Ja, so gesehen wäre es eigentlich gut, wenn es wieder Geistesfürsten, Kulturrepräsentanten gäbe, die zum Beispiel sagen: Das Wohl der Seele, Bildung, die Vertiefung in Gedanken sind wichtiger, meine Damen und Herren, als der Ärger mit ihrem Dieselmotor und der öde DAX-Kurs von heute Morgen. Das Ansehen und das Vermögen eines Geistesfürsten genösse man gerne; wer wäre nicht gerne eine Instanz? Am besten eine Instanz des Wahren, Guten und Schönen. Nun, man wirke gedeihlich zumindest in seinem Umfeld.

M. H.: Der Roman zeichnet auch das Bild einer überwältigend schönen Landschaft, einer vielfältigen, auch kulturell reichen Gegend, wenn er das Schlesien rund um Agnetendorf beschreibt. Ist Ihr Roman auch ein Versuch, diese Welt liebevoll und zugleich trauernd wachzurufen, sie für uns zu vergegenwärtigen? Denn für uns ist diese Welt verloren. War das auch ein Schmerz?

H. P.: Mich hat diese Landschaft, diese versunkene Welt betört. Viel Leben dort damals war noch erd- und ortsbezogener, demütiger gegenüber der weiten Welt, die wir jetzt zu Tode bereisen. Jenes Schlesien, das ich wachzurufen versuche, gleicht fraglos dem Dampfer ‹Titanic›, der langsam im Ozean verschwindet, zerbirst, und fassungslos können wir den Blick vom Untergang nicht abwenden. Von höchster Wichtigkeit nicht nur für meinen Roman ist es, stets darauf hinzuweisen, dass diese schöne, reiche Landschaft, das Riesengebirge, wo Gerhart Hauptmann ein Volksdichter war, nicht durch polnische Schuld polnisch wurde. Jenes Ende Schlesiens, Pommerns, Ostpreußens begann mit der Machtergreifung Hitlers 1933. Was folgte, war die Rechnung für deutsche Verbrechen. Schulden bezahlt man, und für Schuld bezahlt man.
So schildere ich auch, wie Polen, die aus Ostpolen vertrieben wurden, heimatlos und unter Zwang nach Schlesien deportiert wurden. Sie selbst wollten nie dorthin. Heute ist die Region in erfreulichster Weise und ohne jeden Nationalismus entdeckenswert: Nach furchtbarer Zerstörung haben die Polen vieles wieder wunderbar aufgebaut, ehemalige Schlösser im Riesengebirge sind internationale Hotels geworden. Man geht nunmehr, ohne Grenzkontrollen, durch Europa spazieren. Etwas Besseres gibt es nicht. Ich las vor Gerhart Hauptmanns Villa in seinen Werken auf Deutsch, ein polnischer Museumsangestellter fragte mich, ob er mir auch das obere Geschoss von Wiesenstein zeigen solle. Mich überkamen beinahe die Tränen, und so ist denn, zwischen vielen Menschen, alles, alles gut.

M. H.: Hauptmann hat sich dem Dritten Reich gegenüber opportunistisch verhalten und mit der parlamentarischen bürgerlichen Demokratie hat er, wie so viele seiner Zeitgenossen, gehadert und in mancherlei Hinsicht Schuld auf sich geladen. Andererseits hat er seine Unabhängigkeit und Integrität gewahrt. Wie sind Sie mit dieser Ambivalenz und dem moralischen Versagen Hauptmanns zurechtgekommen? Und wie stellt es sich für Sie im Roman dar?

H. P.: Hauptmanns Kollaborieren mit dem sogenannten Dritten Reich, seine Fahrlässigkeit gegenüber den Nazis bleiben der wunde Punkt. Man möchte ihn im Nachhinein zum Verschwinden bringen, aber das geht nicht, das ging schon für Hauptmann an seinem Lebensende nicht mehr. Dieser wunde Punkt bleibt auch etwas Aufreizendes: Wie konnte er, der Berühmte, der Menschenfreund auf Hiddensee die Hakenkreuzflagge hissen lassen, Gauleiter empfangen, gar den Massenmörder Hans Frank, Generalgouverneur von Polen? Daran reibt sich auch mein Roman. Hauptmann war indes nie ein Mitläufer und Opportunist wie Hans Pfitzner oder Werner Egk, von sonstigen Schriftstellern ganz zu schweigen. 1933 war er bereits ein alter Herr, der schier zahllose Regierungen, Kaiser, Kanzler hatte kommen und gehen sehen. Womöglich hielt er das Dritte Reich auch für ein kurzzeitiges Fieber. Das war es nicht, und er arrangierte sich. Goebbels hasste Hauptmanns unheroische Stücke.

M. H.: Diverse Gauleiter hofierten Hauptmann umso mehr. 

H.P.: Der alte Mann ließ sich das gefallen, 1942 wurden in Breslau und Wien aufwendige Hauptmann-Festspiele durchgeführt. Er dachte wohl auch, er stünde noch für Kultur inmitten der Nazikriegswelt. Eine fatale Einschätzung. Die Emigration hat er stets abgelehnt, er meinte, wo er sei, sei ein gutes, ehrbares Deutschland. Auch fatal. Erstmals gebe ich in ‹Wiesenstein› seine Lektüre von ‹Mein Kampf› wieder. Er hat das gesamte Machwerk gelesen und kommentiert. Neben erschreckenden Zustimmungen zu manchen Passagen finden sich Gott sei Dank auch scharfe Abgrenzungen. Hauptmann schwamm mit, wurde oft mitgespült. Insgesamt blieb er für die Nazis unberechenbar und unverdaulich; das wusste er. Manchem bedrängten Künstler half er tatkräftig.

M. H.: Polnische Gesandte und russische Offiziere, der Kommunist und spätere Kulturminister der DDR, Johannes R. Becher, erweisen Hauptmann, als der Krieg schon verloren ist, ihre Reverenz. Liegt darin auch eine Hoffnung auf die Kraft der Literatur, der Kunst, ideologische und nationale Schranken zu überwinden? Sind diese Szenen in Ihrem Roman auch eine Art utopisches Vermächtnis?

H. P.: Fraglos beweist die Literatur in diesem Roman eine große Macht. Natürlich wurde Gerhart Hauptmann durch seine Literatur eine geistige Größe von Weltrang. Als er 1932 die USA besuchte, übertrugen mehr als vierzig Rundfunksender seine Rede aus der Carnegie Hall. Später versuchten die Nazis sich diesen literarischen Ruhm nutzbar zu machen: Sie missbrauchten Hauptmanns Geltung, um der Welt vorführen zu wollen: Seht, ein so großer, tiefsinniger Dichter ist in Deutschland geblieben. Zum Ende von Hauptmanns Leben wirkte Literatur versöhnlich, ja, ein wenig Frieden stiftend: Sowjetische und polnische Behörden stellten dem bedrängten Dichter ‹Schutzbriefe› aus, die auch vielen Menschen seiner Umgebung nützten. Es war gleich für wen undenkbar, den Literaturnobelpreisträger anzutasten. Das ist doch ein Indiz, wie mächtig Literatur sein kann. Und schon vor Gründung der DDR sollte der alte Hauptmann zum Präsidenten ihrer Akademie werden, dort für Humanität bürgen. All diese unglaublichen Vorgänge schlagen sich in den Szenen des Romans nieder, wenn zum Beispiel unter militärischem Begleitschutz der Dichter und kommunistische Funktionär Johannes R. Becher nach Schlesien zum Wiesenstein reist, um Hauptmann zu umwerben. Fast sämtliche Verwerfungen des 20. Jahrhunderts fanden ihr Echo bei Gerhart Hauptmann. Die Kraft, der Zauber vieler seiner Dichtungen betörten Menschen gleich welcher Couleur. Diese Dichtungen überflügelten und überlebten viele Ideologien. Darin liegt die Macht von Literatur. Hauptmann selbst hielt ebenso zeitlos wie auch aktuell und visionär fest: Jeder europäische Krieg ist ein Bürgerkrieg. Man kann nicht mehr in einen fremden Leib schneiden, ohne das Messer in seinem eigenen zu spüren. Seine Heimat zu lieben heißt nicht, etwas zu lieben, was von dem Rest der Menschheit grundverschieden ist, sondern was eine besondere Färbung hat. So erkenne ich in meiner Heimat die Welt und in der Welt meine Heimat.

M. H.: Diesem Diktum schließen Sie sich an?

H. P.: Voll und ganz. Man kann am Schicksal Hauptmanns, seinen Werken die Erschütterungen, die Tragödien der jüngeren europäischen Geschichte ablesen. Aber daraus auch Hoffnung und Kraft schöpfen.  An Hauptmanns Tisch versöhnten sich die Geister. Man sprach dort über alles, geriet in einen Rausch des Mitteilens und empfand das Dasein als ein Geschenk, ein heikles wohl, aber als ein Geschenk. 
Und falls mein Roman über Hauptmann das vermittelt, wäre ich glücklich. Die Schrecken, die er schildern muss, sind der Hintergrund für den Wunsch und das Trachten, behutsam mit uns, unseren Nächsten, Zeitgenossen und mit den Schätzen des Lebens umzugehen.