Leseprobe: Kapitel 3: KLIMA

Auf YouTube gab es ein Video, das ich mir immer und immer wieder anschaute, bis es aus dem Netz genommen wurde. Daraufhin entdeckte ich GIFs davon, die auf Nachrichtenseiten gepostet worden waren, und schaute mir stattdessen die an: konzentrierte Linien des Schlüsselmoments, destilliert aus dem Unheimlichen. Ein Mann in Gummistiefeln und Tarnkleidung, mit einem Jagdgewehr über der rechten Schulter, marschiert im Frühjahr durch die ungeheuren Weiten der sibirischen Tundra. Der Boden ist grün und braun, dicht mit Gras bewachsen, und erstreckt sich vollkommen flach in alle Richtungen bis zum blassen Blau des Horizonts, der ewig weit entfernt scheint. Mit langen, gleichmäßigen Schritten läuft er dahin, ein Tempo, das ihn jeden Tag ein großes Stück Territorium erkunden lässt. Doch während er so dahingeht, glänzt der Boden feucht und gerät in Schwingung; die dicke Erde wird flüssig und bewegt sich wellenförmig. Was wie fester Boden wirkt, ist nur ein dünner Teppich aus pflanzlicher Materie, eine organische Kruste über einem sich neuerdings verändernden, suppigen Meer. Der Permafrost unter der Tundra taut auf. In dem Video hat es den Anschein, als könnte der Boden jeden Moment aufbrechen, der Stiefel des Schreitenden die Oberfläche durchstoßen und der Mann vom Sog verschlungen werden, verloren unter den grünen Blättern.
Viel wahrscheinlicher jedoch ist die entgegengesetzte Richtung: Der Boden wird nach oben aufbrechen, wird feuchte Erde und warme Gase in die Luft schleudern. 2013 war im hohen Norden Sibiriens eine mysteriöse Explosion zu hören, und noch einhundert Kilometer entfernt berichteten Bewohner von einem hellen Leuchten am Himmel. Wissenschaftler, die einige Monate später an dem Ort auf der abgeschiedenen Taimyrhalbinsel eintrafen, entdeckten einen riesigen frischen Krater, vierzig Meter breit und dreißig Meter tief.
In Taimyr erreicht das Thermometer im Sommer höchstens fünf Grad Celsius, während es im Winter auf minus 30° C absackt. Über die karge Landschaft verstreut finden sich sogenannte Pingos: kleine Erdhügel, die entstehen, wenn hydrostatischer Druck Eiskerne Richtung Erdoberfläche drückt. Wenn die Pingos wachsen, werfen sie die Oberflächenvegetation und das zerbrochene Eis ab, sie erinnern dann an gedrungene Vulkane mit geborstenen Kratern. Doch die Pingos tauen genauso auf wie der Permafrost – und in manchen Fällen explodieren sie. Im April 2017 installierten Forscher auf der nahe gelegenen sibirischen Halbinsel Jamal (was so viel wie «Ende der Welt» bedeutet) das erste Netzwerk seismischer Sensoren. In der Nähe des nagelneuen Hafens Sabetta an der Mündung des Ob können diese Sensoren in einem Umkreis von 200 Kilometern Bodenbewegungen erfassen: Sie sollen frühzeitig vor explodierenden Pingos warnen, denn diese könnten die industrielle Infrastruktur des Hafens oder der örtlichen Flüssiggaslager in Bowanenkowo und Kharasavay beschädigen.
Dass Sabetta als Ausgangspunkt für den Export der riesigen sibirischen Erdgasvorräte errichtet wurde, war der gleichen Entwicklung zu verdanken, die auch zur Explosion der Pingos führte: dem globalen Temperaturanstieg. Da das Eis der Arktis schmilzt, lassen sich bislang unzugängliche Öl- und Gasreserven erschließen. Schätzungen zufolge befinden sich 30 Prozent der noch verbleibenden Erdgasvorräte dieser Welt in der Arktis. Sie liegen zumeist draußen im Meer, in knapp 500 Metern Tiefe, und sind jetzt ausgerechnet wegen der katastrophalen Folgen zugänglich, die ein Jahrhundert Ausbeutung fossiler Brennstoffe und Abhängigkeit davon zeitigen. Die Sensoren, welche die industrielle Infrastruktur schützen sollen, sind erforderlich aufgrund der Situation, die gerade durch diese Infrastruktur herbeigeführt wurde. Das ist positive Rückkopplung: nicht positiv für das Leben – von Menschen, Tieren und Pflanzen –, nicht positiv für den Verstand; sondern akkumulierend, expandierend, akzelerierend.
Die regionalspezifische Form positiver Rückkopplung, die hier am Werk ist, ist die Freisetzung von Methan aufgrund des auftauenden Permafrostbodens: der matschigen, zitternden Tundra. Der unter dieser Tundra befindliche Permafrost kann mehr als einen Kilometer tief reichen und besteht aus dauerhaft gefrorenen Schichten aus Erde, Fels und Sedimentgestein. In diesem Eis sind Jahrmillionen des Lebens eingeschlossen, das nun wieder an die Oberfläche zurückkehrt. Als im Sommer 2016 bei einem Milzbrandausbruch auf der Jamal-Halbinsel ein junger Mann starb und mehr als 40 im Krankenhaus behandelt werden mussten, machte man dafür im Boden vergrabene Rentierkadaver verantwortlich, die durch den auftauenden Permafrost freigelegt wurden. Sie waren mit Anthraxbakterien infiziert, die seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten im Eis schlummerten und unter der Tundra in der Zeit eingefroren waren. Eng verbunden mit diesen tödlichen Bakterien ist tote Materie, die nun, da das Eis schmilzt, verwest und dabei Methangaswolken freisetzt – ein Treibhausgas, das wirksamer als Kohlendioxid die Hitze in der Erdatmosphäre hält. 2006 setzte der sibirische Permafrost schätzungsweise 3,8 Millionen Tonnen Methan in die Atmosphäre frei; 2013 war dieser Wert auf 17 Millionen Tonnen gestiegen. Es ist – mehr als alles andere – dieses Methan, das die Tundra erzittern und explodieren lässt.
Natürlich gibt es in einer vernetzten Welt so etwas wie einen rein lokalen Effekt nicht. Was wir als Wetter wahrnehmen, verdunkelt im gleichen Moment den Globus als Klima: winzige Augenblicke turbulenter Aktivität, durch die wir notdürftig eine unsichtbare, unbegreifliche Totalität erfassen. Der Künstler Roni Horn hat das so beschrieben: «Das Wetter ist das zentrale Paradoxon unserer Zeit. Schönes Wetter ist oft falsches Wetter. Schön ist es momentan und für den Einzelnen, falsch ist es mit Blick auf das ganze System.» Was in der Tundra als stetig wachsende Unsicherheit des Untergrunds erscheint, ist die Destabilisierung des gesamten Planeten. Ebenjener Boden zittert, verfault, reißt auf und stinkt. Man kann sich nicht mehr auf ihn verlassen.
Aus der Luft betrachtet erinnern die explodierten Pingos und offenen Schmelzwasserseen der sibirischen Weite an Gehirnaufnahmen von Patienten, die an spongiformer Enzephalopathie leiden und deren Kortex durch den Tod von Nervenzellen degeneriert und vernarbt. Die Prionkrankheiten, die zu spongiformer Enzephalopathie führen – Scrapie, Kuru, Rinderwahnsinn, Creutzfeldt-Jakob und ihre Unterformen –, sind das Ergebnis «umgeklappter», fehlgefalteter Proteine, von Grundgewebeteilchen, die ihre Konformation ändern. Sie breiten sich durch den Körper aus, indem sie ihre ordnungsgemäß gefalteten Pendants nach dem eigenen Bild umwandeln. Erreichen Prioninfektionen das Gehirn, führen sie zu rasch fortschreitender Demenz, Gedächtnisverlust, Persönlichkeitsveränderungen, Halluzinationen, Angstzuständen, Depressionen und schließlich zum Tod. Das Hirn selbst ähnelt immer mehr einem Schwamm, es ist ausgehöhlt und denaturiert und nicht mehr in der Lage, den eigenen Sinn und Zweck zu verstehen. Der Permafrost – der dauerhafte Frost – taut auf. Die Wörter ergeben keinen Sinn mehr, und mit ihnen schwinden unsere Möglichkeiten, die Welt zu denken.
Am 19. Juni 2006 versammelten sich Vertreter aus fünf nordischen Ländern auf der entlegenen arktischen Insel Spitzbergen, die Teil des Svalbard-Archipels ist, um den Grundstein für eine Zeitmaschine zu legen. Im Verlauf der folgenden beiden Jahre gruben sich Arbeiter 120 Meter tief in einen Sandsteinberg, wo sie noch einmal 150 Meter lange und zehn Meter breite Hohlräume anlegten. Die Zeitmaschine soll eine der wertvollsten Ressourcen der Menschheit in eine ungewisse Zukunft befördern, indem sie einige Schrecken der Gegenwart umgeht. In heißversiegelten Folienpäckchen, verpackt in Plastikkisten, die sich in Industrieregalen stapeln, lagert dort abermillionenfach konserviertes Saatgut - Nutzpflanzenproben aus regionalen Sammlungen überall auf der Welt.
Gerade einmal 1120 Kilometer vom Nordpol entfernt, ist Svalbard die nördlichste ganzjährig bewohnte Siedlung auf Erden, und obwohl sie so abgelegen ist, ist sie seit langem ein internationaler Treffpunkt. So wurde sie mindestens seit dem 12. Jahrhundert von nordischen Fischern und Jägern aufgesucht, doch erst ihre «Entdeckung » durch niederländische Seefahrer 1596 öffnete die Inseln für den Walfang und die Gewinnung von Mineralien. Die Briten landeten 1604 dort und begannen mit der Walrossjagd; gegen Ende des Jahrhunderts trafen die Russen auf der Suche nach Eisbär- und Polarfuchsfellen dort ein. Zwar wurden sie in den 1820er Jahren durch britische Überfälle in der Barentssee wieder vertrieben, doch sie sollten schließlich, wie alle anderen, wegen der Kohle wieder zurückkehren. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Archipel evakuiert und von einer Abordnung deutscher Truppen besetzt, die dort eine Wetterstation betrieben. Sie wurden im Mai 1945 abgeschnitten und erst Ende September von einem norwegischen Robbenjagdschiff aufgegriffen; sie waren damit die letzten deutschen Soldaten, die sich den Alliierten ergaben.
Die Entdeckung von Kohlevorkommen Ende des 19. Jahrhunderts verschärfte Souveränitätsfragen, die zuvor ungeklärt geblieben waren. Jahrhundertelang hatte der Archipel als freies Territorium ohne Gesetze oder Regulierungen funktioniert, das außerhalb der Rechtsprechung irgendeiner Nation stand. Der Svalbard-Vertrag von 1920, der im Zuge der Friedensverhandlungen in Versailles formuliert wurde, übertrug die Souveränität an Norwegen, erlaubte jedoch allen Unterzeichnerstaaten gleichermaßen, auf den Inseln kommerzielle Aktivitäten – in erster Linie Bergbau – zu betreiben. Der Archipel sollte entmilitarisiert werden und ist bis heute eine ganz besondere visafreie Zone: Jeder kann sich auf den Inseln niederlassen und dort arbeiten, ganz gleich, woher er kommt oder welche Staatsangehörigkeit er hat, vorausgesetzt, er verfügt über gewisse finanzielle Mittel. Neben gut 2000 Norwegern und fast 500 Russen und Ukrainern sind in Svalbard auch mehrere hundert 65 nicht-nordische Menschen zu Hause, darunter Arbeiter aus Thailand und Iran. In den letzten Jahren kamen eine Reihe von Asylbewerbern, deren Anträge in Norwegen abgelehnt worden waren, nach Svalbard, um dort die siebenjährige Residenzpflicht abzusitzen, die erforderlich ist, um die norwegische Staatsangehörigkeit zu erhalten. (...)

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