Leseprobe "Radio Activity"

Für W.

Consider the Tender Frequency of
Blue in a Rageous Heart
Chorals of the Sea, Anonymus

I ON

1.

   Als sie das erste Mal auf Sendung ging, ließen die Vorarbeiter im Hafenbüro ihre Einsatzpläne sinken. Auf den Schleppern, wo gerade die Buchungslisten besprochen wurden, hielt man inne und sah durch die Luken auf die glitzernden Wellenkämme der auflaufenden Flut. Die Autofahrer, die vor den Schleusen warteten, beugten sich nach rechts, um das Radio lauter zu drehen. An den Frühstückstischen der Stadt stockten die Gespräche, und selbst die Halbwüchsigen, die nichts zur Unterhaltung beigetragen hatten, schauten einen Augenblick lang interessiert auf.
   «Guten Morgen, Seeleute», hatte die Moderatorin gesagt, «ihr Leute auf See und an der See, hier schicke ich euch ein Bandoneon vorbei, das euch auf Nordmeerwellen in den Tag trägt. Damit ihr euch daran erinnert, warum ihr hier lebt trotz Werftenkrise und Konjunkturflaute, warum ihr nicht aufgegeben habt und Binnenschiffer geworden seid, warum euch keiner hier wegkriegt und warum Normalnull für euch das Höchste ist. Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, wie das Wetter in den nächsten Tagen wird und was einem japanischen Dichter zufolge alles in eine Tasse Tee hineinpasst. Wer euch das verspricht? Holly Gomighty. Auf 100,7.»
Nichts, was sie sagte, war so außergewöhnlich, dass es den morgendlichen Betrieb in einer mäßig ausgeschlafenen Hafenstadt hätte stocken lassen müssen. Es war ihre Stimme. Eine perfekte Radiostimme, aus dem mitteldunklen Register. Es lag auch daran, wie diese Stimme sprach: ganz im Tonfall hiesiger Wasser und doch angereichert mit der Melodie fremder Küsten. Und wofür sie die Leitung jetzt freigab: dieses Bandoneon mit seinem kehligen Möwenton, das an die fünf ineinanderrauschende Akkordeons im Schlepptau haben musste, in deren Fahrwasser wiederum eine gute Handvoll Streicher und Bässe einander auf wie gelten. Dann, noch weiter im Hintergrund, irgendetwas Stimmhaftes – ob menschlich oder elektronisch, ob aus dieser Welt oder aus einer anderen, war schwer zu sagen. Und das alles zusammen machte, dass man in die Wellen gezogen wurde, abwärts aufwärts, abwärts aufwärts, im rastlosen Anlauf dicht gebündelter Achtelnoten, die es kaum abwarten konnten, sich in den Sog des nächsten Legato zu stürzen.
   Hätte man bei Tee und Teer erst einen Programmdirektor fragen müssen, ob die Biscaya, so wie sie durch die zweiundsiebzig Knöpfe des Bandoneons hindurch in die neu belegte UKW-Frequenz hineinrauschte, nicht der ideale Eröffnungssong für einen neuen Nordseesender sei, wäre es womöglich nicht so weit gekommen. Um Himmels willen, hätte der gesagt, das ist Achtziger, Big Band, schon alles gar nicht mehr wahr. Kinder, das ist: NO GO. James Last! Das ist ein anderes Jahrhundert, ein anderes Jahrtausend, das ist siebzig plus; Tanztee, nicht Radio. Ihr findet etwas anderes. Aber mit dem wasserklaren Instinkt einer am Meer Geborenen hatte Holly Gomighty gewusst, was Instrumente, die ihre Töne durch nichts als frischen Luftzug und ein paar frei schwingende Metallzungen hervorbrachten, generationsübergreifend auslösen konnten. Sie wusste, dass in diesem Moment jeder Kitschverdacht beiseite geschoben und die Lautstärkeregler der Empfangsgeräte hochgedreht wurden. Und sie wusste genau, wie das Stück klang, wenn es erst einmal laut gedreht war, sehr laut. Sie wusste noch mehr: Sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn sich diese nordatlantischen Wellen in den großzügigen Abmessungen eines Theatersaales ausbreiten durften und die Säulen eines Mischpults dabei weit in den roten Bereich stiegen. Dorthin, wo man auf einmal mittendrin war in Himmel, Meer und Sonne; in Wasser, Luft und Licht, und wo es nur von einem nichts gab: Erde. Und am Ende wäre der Programmdirektor eben einer gewesen, der mit beiden Beinen fest auf dieser Erde stand und auch Musik in festen Rubriken konsumierte und in all seiner unerschütterlichen Verachtung für Happy Sound und Easy Listening gar nicht gemerkt hätte, dass in dieser peinlichen Nonstop-Dancing-Soße manchmal noch etwas anderes im Spiel sein konnte. Ja, vielleicht hätte er gar nicht gemerkt, dass einem Bandoneon, diesem mollgestimmten Kleinod der Hafenkneipen, ein Happy Sound gar nicht zur Verfügung stand.
Jedenfalls standen Happy Sound und Easy Listening offenbar auch der jungen Moderatorin nicht zur Verfügung. Denn die saß da und starrte vor sich auf den Tisch, während mit jedem Takt der Biscaya die Guten-Morgen-Munterkeit in ihrem Gesicht sich in Verlorenheit verwandelte und Verlorenheit in Tieftraurigkeit, so bodenlos, dass sie jedem, der ihrer gewahr geworden wäre, eine kalte Hand ans Herz gelegt hätte. Aber so weit kam es nicht. War ja Radio, nicht Fernsehen.
   Nachdem Holly Gomighty mit ihrem Griff in die Musiktruhe der frühen 1980er-Jahre der Seestadt viereinhalb Minuten lang ihr Element ins Ohr gespült und den Wetterbericht verlesen hatte – in dem Nordatlantik und Nordseebucht meteorologisch eng zusammenrückten, denn in beiden Fällen waren Orkanböen zu vermelden gewesen –, nachdem sie außerdem verraten hatte, dass eine Tasse Tee in Japan siebzehn Silben fasst: «Bleibt dran, wenn ihr mehr wissen wollt», da hatte sie ihre Hörer. Sowohl die, die trotz der kleinen Lautverschiebung von l zu m, von Golightly zu Gomighty, eine zierliche Frau im Kleinen Schwarzen vor sich sahen, die nach durchtanzter Nacht mit einem Coffee to go in der einen und einem Croissant in der anderen Hand an einem Schaufenster hängen blieb und über den Rand einer massiven Sonnenbrille hinweg unerschwinglichen Schmuck taxierte, als auch die, denen bislang weder Truman Capote noch Audrey Hepburn oder Tiffanys Preziosen untergekommen waren. Eine Frau, die einen morgens dort abholte, wo man sich gerade aufhielt: hinterm Deich – und dorthin mitnahm, wo ein frischerer Wind wehte: auf die Planken eines Dreimastgaffelschoners irgendwo zwischen Bilbao und Biarritz; ja, die einen dazu bewegte, überhaupt einmal aus dem Fenster zu schauen, denn für die Ablage brauchte man ja nicht zu wissen, wie das Wetter ist, wohl aber, wenn man sich auf See befand; eine Frau, die es schaffte, dass sich ein schlecht gelaunter Chef, eine Mathematikarbeit, ein auf dem Arbeitsweg geplatzter Reifen, ein dunkelrotes Minus auf dem Kontoauszug viereinhalb Minuten lang im ewigen Gang der Wellen auflösten und nach diesen viereinhalb Minuten deutlich weniger bedrohlich daraus auftauchten; eine, die einen mitten im morgendlichen Stau, in der unaufgeräumten Küche, in der Warteschlange am Kiosk mit der Nase darauf stieß, warum man die Mobilitätsaufforderung des Arbeitsamtes in den Wind geschlagen und es hier ausgehalten hatte, obwohl dieser Wind sich dann kräftig gegen einen gedreht hatte; eine, deren Stimme diesen Gegenwind, ja, die sogar die nordatlantischen Orkanböen in eine muntere Brise verwandeln konnte – die wollte man wieder hören, jeden Morgen, jeden Tag. Holly Gomighty. Auf 100,7.


2.

   Als ebendiese Holly Gomighty nach ihrer ersten Morgensendung die Treppen der Fachhochschule hinunterging, in deren Dachgeschoss das Radiostudio von Tee und Teer eingerichtet worden war, hatte sie zwar einen Coffee to go in der Hand, aber statt eines Kleinen Schwarzen trug sie Jeans, einen ausgewaschenen Kapuzenpullover und darüber einen Uralt-Parka. Die Sommersprossen auf ihrer hellen Haut hätten ordnungsgemäß zu roten Haaren gehört, doch ihre Haare waren wie ihre Stimme: mitteldunkel. Sie stieg in die Straßenbahn und hielt dem Fahrer ihr Monatsticket hin. Unter ihrem Passfoto stand nicht Holly Gomighty, natürlich nicht, sondern Nora Tewes. Aber die Stimme, mit der sie sich bei einer älteren Frau für eine beiseite geschobene Einkaufstasche bedankte, war diese perfekte Radiostimme. Fiel hier nur niemandem auf, so ganz ohne Mikrofon.
   Radiostimme und Mikrofon, das war die ultimative 15 Kopplung, nicht bloße Verstärkung, das war Verwandlung: von einer Stimme im Raum in einen Raum aus Stimme.
   Es war ihr Chef im Tonstudio WU gewesen, der zuerst davon angefangen hatte – kurz nachdem sie bei ihm angeheuert und eines Nachmittags in ebenso nüchterner wie eindrücklicher Wiederholung des Wortes «Test» sämtliche Mikrofone überprüft hatte. «Wenn du die Anlage testest», hatte Walther Ullich gesagt, der sich seit fünfundfünfzig Jahren vorwiegend in fensterarmen, schallgeschützten Räumen aufhielt und mit dem Genuss filterloser Zigaretten seine eigene Stimme auf markante Weise ruiniert hatte, während er aus unzähligen anderen das Beste rausholte, «soll der Test nie zu Ende gehen. Versteh mich nicht falsch», hatte er nachgeschoben, «ich bin ein alter Mann.»
   «Wenn du mich dafür bezahlst», gab sie zurück, «teste ich für dich den ganzen Tag. Versteh mich nicht falsch. Ich bin jung und brauche das Geld.»
   «Kann ich mir nicht leisten», meinte Walther, ohne die Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen, «aber du könntest Radio machen nur mit Testläufen, die Leute würden trotzdem einschalten. Eigentlich brauchst du nur ein Mikrofon und eine Sendelizenz.»
   «Sendelizenz klingt kompliziert», sagte Nora und zog die Schrauben eines Mikrofonständers an, «nach einer Menge Schwierigkeiten.»
   Bei Walther wurde sie auf Stundenbasis bezahlt. Dafür, dass sie nie ein Studium der Tontechnik, nie auch nur eine Grundausbildung in Elektroakustik absolviert hatte, war der Lohn nicht so schlecht. Berechtigterweise, denn tatsächlich machte sie ihre Arbeit gut, besser als manch ein diplomierter Toningenieur, was wiederum daran lag, dass sie beträchtliche Teile ihrer Kindheit zwischen Mikrofonen und Mischpulten zugebracht hatte – an der Seite ihrer Mutter, der Tonmeisterin des Stadttheaters. Ein Vater war nicht da, und als sie noch zu klein gewesen war, um allein zu Hause zu bleiben, und sich kein Babysitter fand, verbummelte sie halbe Nachmittage und ganze Abende in dem schummrigen Studio auf der Halbetage zwischen Parkett und Rang. Sie lernte das Ausbalancieren von Bässen vor dem kleinen Einmaleins, den Umgang mit Rückkopplung, Echo und Schall, lange bevor Physik auf ihren Stundenplan trat. Sie verlernte, sich über den Mangel an Licht und Luft zu beschweren. Im Dunkeln hört man besser, hatte ihre Mutter gesagt. «Aber atmen muss ich auch beim Hören», hatte Nora beharrt. «Diese verwöhnten Kinder von heute», hatte die Mutter entgegnet, «jetzt wollen sie auch noch Luft.»
   Luftig genug war es auf den Gittern der Beleuchterbrücke hoch über der Bühne. Zwischen Handzügen und Scheinwerfern hockte sie da, hielt hier ein Seil, dort eine Wechselbirne und lernte das mehrsprachige Fluchen. Dessen unangefochtener Meister war der aus der Karibik stammende Obermaschinist. Er fluchte im Idiom seiner Insel, einem höchst eigengesetzlichen Kreol, aber auch auf Spanisch, Portugiesisch und Englisch. Zudem vermochte er, in begnadeter Intuition, die Flüche seiner von anderswoher auf dem Schnürboden des städtischen Theaters gestrandeten Kollegen zu übersetzen – zunächst in eine der ihm vertrauteren Sprachen und von dort aus in sein eher griffiges denn grammatisches Deutsch. Nora legte sich ein dreispaltiges Vokabelheft zu und notierte diese Transaktionen im festen Glauben daran, dass ihr das Einüben feinsinniger Bedeutungsverschiebungen in groben Ansagen im Leben nicht weniger weiterhelfen würde als Vokabellisten herkömmlicher Art, und ließ sich durch kein verlegenes «Nix für kleine Mädchen» davon abbringen, im Zweifelsfall noch einmal ganz genau nachzufragen.
   Als Zwölfjährige rutschte sie auf den Stuhl ihrer Mutter, wenn die mal aufs Klo musste. Und als dann wenig später ihre Stimme derjenigen ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich geworden war, hatten sie beide die Techniker zum Narren gehalten und an eine Tonmeisterin glauben lassen, die im Orchestergraben und im Studio zugleich sein konnte. Nach dem Abitur hatte man sie vom Fleck weg für die tontechnische Assistenz engagieren wollen: Eine geklonte Tonmeisterin zum halben Preis war so ziemlich das Beste, was man sich am Stadttheater vorstellen konnte. Aber sie war dann doch lieber zum Ballett nach Stuttgart und von Stuttgart nach New York gegangen, weil sie schon früh ihre Beine nicht hatte stillhalten können, wenn der Korrepetitor im Proberaum des Ballettensembles dem abgenutzten Gründerzeit-Klavier einen beseelten Chopin abrang. Sie lauerte im Flur auf die ersten Töne und schlüpfte dann durch die Tür, in die letzte Reihe, wo sie einfach das machte, was die andern machten: beugen, strecken, drehen, Plié, Relevé, Arabesque. Man ließ sie gewähren und gab ihr aus Spaß kleine Auftritte im Bewegungschor, bis Madame la Chorégraphe sich eines Tages die Augen rieb und sagte: «Die ist gut, die Kleine, ab mit ihr in die Ausbildung.»