Liz Moore: Long Bright River

Einst waren sie unzertrennlich, seit fünf Jahren sprechen sie nicht mehr miteinander, doch die eine wacht insgeheim über die andere. Jetzt aber ist die Lage bedrohlich geworden: Mickey, Streifenpolizistin in Philadelphia, findet ihre drogenabhängige Schwester Kacey nicht mehr auf den Straßen der Blocks, die sie kontrolliert und auf denen Kacey für ihren Konsum anschaffen geht.
Gleichzeitig erschüttert eine Reihe von Morden an jungen Prostituierten die von Perspektivlosigkeit und Drogenmissbrauch geplagte Stadt. In ihrem enorm spannenden Roman erzählt Liz Moore die Familiengeschichte von Mickey und Kacey und deren Entfremdung parallel zur Geschichte der Jagd nach einem Frauenmörder, die auch Mickey in große Gefahr bringt. Zugleich entwirft Liz Moore in diesem großen Roman das umwerfend authentische Porträt einer Stadt und einer Gesellschaft in der Krise.

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Auch als Hörbuch erhältlich, gelesen von Victoria Schätzle.

17 aus 63 mit Liz Moore

1. Was wollten Sie als Kind werden?
Ich wollte in die Wissenschaft gehen. Mein Hauptfach an der Uni war Verhaltensneurowissenschaft, aber meine Noten waren nicht gut genug, deshalb habe ich gewechselt und mit dem Englischstudium begonnen.
 

2. Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?
Der erste kleinere Zusatzverdienst kam durch Babysitting, mein erster richtiger Job war Kellnerin in einem Country Club. Ich war wahnsinnig schlecht im Kellnern und jede Schicht endete damit, dass ich weinend auf der Toilette saß, weil ich die Bestellungen der Leute alle völlig durcheinander gebracht hatte! 

 

3. Wie sieht ein gelungener Tag in Ihrem Leben aus?
Einige ungestörte Stunden zum Lesen und Schreiben zu haben, danach Zeit mit meiner Familie zu verbringen und dann meine Kinder zu einer angemessenen Zeit ins Bett zu bringen, damit mein Mann und ich abhängen können!
 

4. Was für eine Art Leserin waren Sie als Kind?
Ich war eine unersättliche Leserin. Zwischen 7 und 12 Jahren habe ich mehr gelesen, als ich es in meinem ganzen Leben je wieder tun werde.

Alle Fragen an und Antworten von Liz Moore finden Sie hier

Leseprobe

jetzt

An dem Gleis entlang der Gurney Street liegt eine Leiche. Weiblich, Alter unklar, wahrscheinlich Überdosis, sagt die Zentrale.
Kacey, denke ich. Das ist eine Zuckung, ein Reflex, etwas Scharfes und Unterbewusstes, das in mir lebt und jedes Mal, wenn eine Tote gemeldet wird, dieselbe Botschaft rasend schnell an denselben primitiven Teil meines Gehirns schickt. Dann kommt der rationalere Teil angezockelt, lethargisch, lustlos, ein gehorsamer, träger Soldat, um mich an Wahrscheinlichkeiten und Statistiken zu erinnern: neunhundert Drogenopfer in Kensington letztes Jahr. Keines davon Kacey. Außerdem, so rügt mich dieser Wachposten, hast du anscheinend vergessen, wie wichtig es ist, professionell zu bleiben. Straffe die Schultern. Lächle ein bisschen. Halte das Gesicht entspannt, die Stirn faltenfrei, das Kinn hoch. Mach deinen Job. Die ganze Zeit habe ich Lafferty für uns auf Einsatzmeldungen von der Zentrale antworten lassen, damit er Übung darin bekommt. Jetzt nicke ich ihm zu, und er hüstelt und wischt sich über den Mund. Nervös. 
«2613», sagt er.
Unsere Fahrzeugnummer. Richtig. 
Die Zentrale erklärt, dass die Meldung anonym war. Der Anruf kam von einem Münztelefon auf der Kensington Avenue, wo es noch eine ganze Reihe davon gibt, aber meines Wissens nur ein Einziges funktioniert. Lafferty sieht mich an. Ich sehe ihn an. Ich gestikuliere. Mehr. Frag nach mehr. «Verstanden», sagt Lafferty in sein Funkgerät. «Over.»

Falsch. Ich hebe meins an den Mund. Ich spreche klar und deutlich. «Gibt es genauere Informationen zum Fundort?», sage ich. 
Nachdem ich den Anruf beendet habe, gebe ich Lafferty ein paar Tipps, erinnere ihn daran, dass er mit der Zentrale ganz normal sprechen kann – viele Anfänger haben die Neigung, hölzern und betont männlich zu reden, was sie sich wahrscheinlich aus Filmen oder Fernsehserien abgeguckt haben –, und ich erinnere ihn ebenfalls daran, dass er sich von der Zentrale so viele Infos wie nur möglich geben lassen soll. Doch noch ehe ich fertig bin, sagt Lafferty wieder: «Verstanden.» 
Ich sehe ihn an. «Ausgezeichnet», sage ich. «Freut mich.» Ich kenne ihn erst eine Stunde, aber ich bekomme allmählich ein Gespür für ihn. Er redet gern –  ich weiß schon mehr über ihn, als er je über mich wissen wird –, und er ist ein Heuchler. Ein Streber. Mit anderen Worten, ein Angeber. Jemand, der vor lauter Angst davor, für arm oder schwach oder dumm gehalten zu werden, keinerlei Defizite in dieser Hinsicht zugeben kann. Ich dagegen bin mir sehr wohl darüber im Klaren, dass ich arm bin. Mehr denn je, seit keine Schecks mehr von Simon kommen. Bin ich schwach? Wahrscheinlich in gewisser Weise: stur vielleicht, verbohrt, störrisch, unwillig, Hilfe anzunehmen, selbst wenn es gut für mich wäre. Auch körperlich ängstlich: keine Polizistin, die sich als Erste schützend vor einen Freund werfen würde, um eine Kugel abzufangen, keine Polizistin, die sich als Erste bei der Verfolgung eines flüchtigen Täters in den fließenden Verkehr stürzen würde. Arm: ja. 
Schwach: ja. Dumm: nein. Ich bin nicht dumm.

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