In dieser Zeit schrieb mein Großvater Hunderte von Briefen. Die Auswahl, die in diesem Buch versammelt ist, macht den Leser nicht nur mit Nelson Mandela als politisch Handelndem und Gefangenem, sondern auch als Anwalt, Vater, Ehemann, Onkel und Freund vertraut. Sie veranschaulicht, wie sehr seine schier endlose Gefangenschaft in der Abgeschiedenheit vom Alltagsleben ihn daran hinderte, diese unterschiedlichen Rollen zu erfüllen. Sie bringt uns zurück in eine dunkle Zeit der Geschichte Südafrikas, in der gefangene Gegner des Apartheidregimes, das ein ganzes Volk unterdrückte, entsetzliche Strafen erduldeten. In seinen Briefen belegt er die permanente Verfolgung meiner Großmutter und gewährt Einblick in die Situation, in der sich seine Kinder Thembi, Makgatho, Maka ziwe, Zenani und Zindzi befunden haben mussten: Ihr Vater war abwesend, sie konnten kaum mit ihm kommunizieren, und – das fand ich besonders unerträglich – sie durften ihn erst besuchen, als sie sechzehn Jahre alt waren. So sehr er sich auch vom Gefängnis aus um ihre Erziehung bemühte, es war ihm unmöglich.

Als Mutter bewegte es mich besonders, durch die Briefe meines Großvaters mitzuerleben, was meine Mutter und meine Tante Zindzi als Kinder durchmachten. Oft waren sie praktisch verwaist, in den Zeiten, als meine Mutter ebenfalls im Gefängnis war, teils, weil sie sich am Kampf gegen die Apartheid beteiligte, doch oft auch nur, weil sie die Frau eines der bekanntesten politischen Gefangenen Südafrikas war.
Herzzerreißend ist der wehmütige Optimismus, der aus vielen Briefen an meine Großmutter und seine Kinder spricht, in denen er andeutet, dass sie vielleicht eines Tages dies oder jenes tun werden. Dieses «Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage» erfüllte sich für meinen Großvater, meine Mom, meine Onkel und Tanten nie. Am meisten hatten die Kinder zu leiden, und letzten Endes waren die Folgen des Verzichts auf ein geordnetes Familienleben zugunsten seiner politischen Ideale ein Opfer, mit dem sich mein Großvater abfinden musste.
Immer wieder ermahnte uns unsere Großmutter, wir sollten niemals unsere Vergangenheit und unsere Herkunft vergessen. Die demokratische Gesellschaft, für die mein Großvater und seine Mitstreiter kämpften, wurde erst nach vielem Leid und dem Verlust vieler Menschenleben errungen. Diese Briefe erinnern uns daran, dass die Zeit des Hassens noch gar nicht so lange vorbei ist, doch sie zeigen auch, dass persönliche Widerstandsfähigkeit selbst unerträgliche Situationen überwinden kann. Vom ersten Tag seiner Haft an beschloss mein Großvater, nicht zu wanken und zu weichen; er bestand darauf, dass man ihn und seine Kameraden mit Würde behandelte. In einem Brief an meine Großmutter im Jahr 1969 empfiehlt er ihr, Mut zu schöpfen mit dem Bestseller von Vincent Peale Die Kraft positiven Denkens. Er schreibt: «Den metaphysischen Aspekten seiner Argumente messe ich keine Bedeutung bei, aber seine Ansichten zu physischen & psychologischen Fragen halte ich für brauchbar. Er geht davon aus, dass nicht so sehr das Gebrechen, an dem man leidet, entscheidend ist, sondern die Einstellung dazu. Wer sagt: Ich werde diese Krankheit besiegen & ein glückliches Leben führen, hat schon halb gewonnen.»
Diese optimistische Einstellung gab meinem Großvater die Kraft, unerschütterlich nach einer Gesellschaft zu streben, in der gleiche Rechte für alle Südafrikaner gewährleistet wären, eine Haltung, die wohl in vielen Herausforderungen des Lebens Anwendung finden kann. Diese Briefe gaben Antwort auf viele Fragen, die mir rätselhaft erschienen waren: Wie konnte mein Großvater siebenundzwanzig Jahre im Gefängnis überleben? Was ließ ihn so lange durchhalten? In seinen Briefen können wir die Antworten finden.

Zamaswazi Dlamini-Mandela

 

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