Hans Pleschinski ist der kulturhistorische Cicerone unter den deutschen Romanciers.

SWR-Bestenliste März 2018

"Die Stimmung vor und nach der Kapitulation 1945 ist so sinnfällig und genau beschrieben, dass ich - dessen Erinnerung ja noch in die Zeit reicht - nur staunen konnte.
Pleschinski hat zudem eine beeindruckende Sprache für das tragische wie das Groteske gefunden. Dieses Haus Wiesenstein und sein Bewohner Gerhart Hauptmann mitsamt Entourage als Kristallisationspunkt der Katastrophen deutscher Geschichte ist ein literarischer Glücksgriff."
Uwe Timm

Große Lesereise

15.2: Hamburg - 16.2.: Lübeck - 18.2.: Reinbek - 1.3.: München - 25.3.: Marburg - 15.4.: Frankenau - 25.4.: Berlin - 26.4.: Frankfurt/Main - 15.5.: Eichstätt - 16.5.: Köln - 5.6.: Rostock - 9.6.: Hiddensee - alle Termine

Hans Pleschinski bändigt den Stoff meisterhaft. Sein tiefes Hintergrundwissen entrollt er mit einer Souveränität, die elegant und mühelos wirkt, und doch zittert nach der Lektüre das eigene Gedankengerüst angesichts des Neuen, das hier so furios erzählt wird.

Annemarie Stoltenberg, NDR

Hans Pleschinski im Gespräch mit seinem Lektor Martin Hielscher

M. H.: Ihr Roman "Wiesenstein" beschäftigt sich mit der Rolle und dem Schicksal Gerhart Hauptmanns, mit seinem Leben in der Villa Wiesenstein in Schlesien und den Schrecknissen, die ihm mit dem Ende des Krieges und dem Zusammenbruch des Nazireiches drohten. Der Roman widmet sich in eleganten Szenen auch dem Werk dieses großen Schriftstellers und Nobelpreisträgers, eines Weggefährten und auch Gegenspielers Thomas Manns, der Hauptmann im «Zauberberg» als Mijnheer Peeperkorn karikierend beschreibt. Nun haben Sie Thomas Mann, ebenfalls Nobelpreisträger, der sich bewusst gegen Hitler stellte und ins Exil ging, zum Mittelpunkt Ihres erfolgreichen

Romans «Königsallee» gemacht. Wollten Sie bewusst diese beiden großen Autoren, ähnlich erfolgreich und epocheprägend, aber in ihrem gesellschaftlichen Handeln und in ihrem Verhalten zum Dritten Reich geradezu Gegenpole, jeweils zum Gegenstand eines Romans machen?

H. P.: Nein, ich hatte nie geplant, diese beiden Stars der Weltliteratur in Abfolge zu schildern und gegeneinander abzuwägen. Wobei ich zum Begriff ‹Star› gleich noch sagen möchte, dass er nicht äußerlich ist. ‹Star› wird man nur, wenn eine echte künstlerische Substanz im Spiel ist. Zigtausende Menschen, Namen, Künstler sind vergessen: Es ist bereits ungeheuerlich, wenn aus dieser Masse von zu Recht oder zu Unrecht vergessenen Schriftsteller wie Thomas Mann und Gerhart Hauptmann weiterhin bekannt, ja geläufig sind, und zwar weltweit. Das ist dann wahrer und mühsam erworbener Ruhm.Die Lebensläufe, die Werke von Mann und Hauptmann gegeneinander abzuwägen, wäre ein nur literaturtheoretisches Unterfangen. Das interessiert mich nicht sonderlich, denn ich bin ein Erzähler. Bei der Beschäftigung mit diesen beiden Größen – und ich möchte nun Gerhart Hauptmann an erster Stelle nennen – gaben Zufälle, Funde, Entdeckungen den Ausschlag, sie in ein Romangeschehen zu überführen. Dabei ist natürlich unabweislich, dass man bei der Beschäftigung mit diesen Kollegen, Rivalen massiv auch deutsche Geschichte miterzählen kann und muss. Das ist eine große Herausforderung. Beide Dichter sind nicht nur intensiv in die jüngere deutsche Geschichte involviert, nein, sie prägten sie auch. Das fesselt mich. Beide gleichen Thermometern, an denen man den Hitzegrad, den Zustand Deutschlands, manchmal Europas, der Welt ablesen kann. Dazu kommen natürlich noch die Werke Hauptmanns und Manns – was für eine Namensverwandtschaft!
–, die immer im höchsten Maße lesenswert, entdeckenswert sind. Solange Menschen noch lesen, und nur durch Lesen kann der Mensch Genaueres auch über sich selbst erfahren!
Durch meine Romane ‹Königsallee› und nun ‹Wiesenstein› sind zwei Lebensporträts, Schicksalsbilder, nebenher Geschichtswerke entstanden, die einander ergänzen, miteinander verschränkt sind. Und ich hoffe, auf spannende Weise. Gerhart Hauptmann ist der Ältere, seine Lebensgeschichte, sein Lebensweg beginnen früher. Thomas Mann reichte lebend noch bis in die Nachkriegszeit. So übergibt der eine sozusagen die Fackel an den anderen, trotz der Konkurrenz zwischen den beiden. Sie waren – im geistigen Bereich – geradezu deutsche Kanzler und regierten länger als die politischen Kanzler.
Wie Hauptmann und Mann zueinander standen – Thomas Mann hasste das «Haupt-» im Namen des Kollegen, fühlte sich dadurch degradiert –, spielt selbstverständlich eine Rolle in ‹Wiesenstein›. Aber beide waren in erster Linie ziemlich souverän sie selbst und beschäftigten sich nur gelegentlich miteinander. Was natürlich auch spannend ist: Mann neidete Hauptmann den früher erhaltenen Nobelpreis, Hauptmann würdigte durchaus die erzählerische Größe Manns. Sie rieben sich manchmal aneinander, sogar heftig, achteten sich aber auch. Es ist bekannt, dass Mann im ‹Zauberberg› Hauptmann als Mijnheer Peeperkorn verulkte, verunglimpfte, was Hauptmann furchtbar verletzte; ich fand heraus, dass im Hause Hauptmann Mann hingegen nur als «Dr. Spitz» bezeichnet wurde, also als spitzfindiger Spitzenklöppler von Sätzen. Der eine, Mann, war eher zerebral, der andere, Hauptmann, oft vulkanisch. – Gut, dass wir beide haben! Das ist ein geistiger Reichtum.

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