Preti Taneja: Wir, die wir jung sind

Eine dramatische Familiengeschichte, die zugleich die Geschichte eines Firmenimperiums und eines Landes, die brutale, letztlich scheiternde Machtübergabe von den Alten zu den Jungen darstellt, von den Männern zu den Frauen - das erzählt Preti Taneja in ihrem preisgekrönten, spannenden und gewaltigen Debütroman.
Der alte Devraj, ehemaliger Maharadscha und Chef eines mächtigen indischen Mischkonzerns, der nur ehrfürchtig "The Company" genannt wird, ist alt geworden und will sein Erbe verteilen. Er hat drei Töchter, Ranjit Singh, sein Berater, Teilhaber und Wegbegleiter, hat zwei Söhne, die ebenfalls mit bedacht werden sollen.Wer wird sich durchsetzen in diesem umfassenden Machtkampf, der auch ein Geschlechterkampf ist?
Mit hoher Präzision und Intensität, nah an den Figuren entlang, erzählt Preti Taneja in diesem unerschrockenen, ergreifenden, aber auch sarkastischen Familienepos, dicht angelehnt an Shakespeares "King Lear", eine brisante und düstere, universelle Geschichte von Macht, Verrat, Untergang und Überleben.  

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Zeichnet ein unvergessliches Bild des gegenwärtigen Indien. 
The Times of India

Preti Tanejas Leben, Denken und Arbeiten ist ein spannendes Potpourri verschiedenster Orte, Ideen und Tätigkeiten. Als Tochter indischer Migranten in Großbritannien ist sie zwischen zwei Kulturen aufgewachsen; in keiner der Kulturen fest beheimatet und doch beiden zugehörig. Sie fühlt sich als Weltenbürgerin, deren Arbeit sie an die unterschiedlichsten Orte führt: als Menschenrechtsaktivistin und Reporterin sowie Filmemacherin hat sie etwa im Irak, in Jordanien, Ruanda und im Kosovo gearbeitet. Ihr Dasein als Weltenbürgerin spiegelt sich auch in ihrer vielseitigen Karriere wider: ein Bachelor in Theologie und Religionswissenschaft, ein Master in Kreativem Schreiben mit anschließendem Doktortitel in Englischer Literatur; Journalistin, Menschenrechtsaktivistin, Mitbegründerin einer Filmproduktionsgesellschaft und Herausgeberin einer online Anthologie, in der Worte und Kunst verknüpft werden. Und nicht zuletzt natürlich Autorin.
Preti Tanejas vielfältige Erfahrungen finden Eingang in «Wir, die wir jung sind». Ihre Arbeit als Menschenrechtsaktivistin hat sie etwa das Leben in den Slums der Welt hautnah miterleben lassen und ihre Wahrnehmung gesellschaftlicher Ungleichheiten geschärft. Als Literaturwissenschaftlerin ist sie Expertin der künstlerischen und kritischen Rezeption von Shakespeares «König Lear».
Trotz oder gerade wegen all dieser Echos und Hintergründe ist Preti Tanejas «Wir, die wir jung sind» ein hochspannendes Epos, dem es gelingt, die Leser zu fesseln und mitzureißen. Mit Preti Taneja gewinnt die internationale Literatur eine vielversprechende, wichtige neue Stimme!

Ein Interview mit Preti Taneja

In Ihrem Debüt-Roman «Wir, die wir jung sind» wählt die britische Autorin Preti Taneja, deren Eltern aus Indien stammen und die in ihrer Kindheit ihre Ferien oft in Delhi verbracht hat, Shakespeares Drama «König Lear» als Folie für einen gewaltigen Roman über eine moderne Familien- und Firmendynastie in Indien, die im Roman nur respektvoll «The Company» genannt wird. Die Schriftstellerin, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin erhielt für ihren Roman den renommiertesten britischen Debüt-Preis, den Desmond Elliott Prize.

Wann haben Sie ein Interesse an Shakespeares Werken entwickelt?
Preti Taneja: Während meines Abiturs, angeregt durch meine brillante Englisch-Lehrerin, die mir die Welt der Literatur und besonders auch die politische Tiefendimension von Shakespeares Werken eröffnet hat. Aber ich war ohnehin eine begeisterte Leserin und meine Eltern haben uns Kinder immer zum Lesen ermutigt, sie wollten, dass wir dieses Leben des Geistes auch führen können.

Aber Sie entschieden sich, zunächst Theologie, nicht Literatur zu studieren, und haben einen Bachelor in «Theology and Religious Studies» …
Preti Taneja: Ich bin in Letchworth Garden City in Hertfordshire, UK, aufgewachsen, wo es eine große Punjabi-Bevölkerung, getrennt von dem weißen Teil der Stadt, gibt. Wir haben zu Hause die Hindu-Rituale praktiziert, gingen zum Gurdwara, dem Sikh-Tempel, der ja für Gläubige aller Religionen offensteht, um Teil der Gemeinschaft zu sein, und ich ging auf eine weiße katholische Schule. Durch das Studium der Religion, fühlte ich, könnte ich verstehen, wie die Gesellschaft, in der ich lebte und arbeitete, tickte, was unter der Oberfläche lag.

Sie waren achtzehn, als Sie «König Lear» gelesen haben. Wann keimte in Ihnen die Idee, einen Roman vor diesem Hintergrund zu schreiben, und warum gerade «Lear»?
Preti Taneja: Ich denke, die Idee, einen Roman zu schreiben, der im zeitgenössischen Indien angesiedelt ist, keimte sofort, nachdem ich das Stück gelesen hatte. Wer sich in ein Buch verliebt hat oder feststellt, dass die Lektüre einem so viel bedeutet und einem irgendwie hilft, die Welt zu verstehen, in einer Weise, die gleichzeitig auch auf geheimnisvolle Art mit der eigenen Erfahrung verbunden ist, der behält diesen Eindruck für immer. Aber mit achtzehn war ich noch nicht im Begriff, ganz konkret «Lear» gewissermaßen als Roman zu schreiben. Doch ich wollte Schriftstellerin werden und als ich an ein größeres Projekt dachte, war das die offensichtliche Wahl. Meine Arbeit mit Flüchtlingen und Benachteiligten und Verfolgten hat mich dazu motiviert, über ein System zu schreiben, das strukturelle Gewalt erzeugt und perpetuiert. «Wir, die wir jung sind» betrachtet, welche Wirkung ungeheure Macht und gigantischer Reichtum haben, wie sie von oben bis nach unten durchwirken. Ich glaube, die Gegenwartsliteratur widmet sich dem nicht hinreichend, es sei denn, in Form der Satire. Shakespeare tut dies aber auch schon in «König Lear». Es ist nicht ein Stück über das dramatische Ende eines dementen alten Mannes, dessen Töchter schon böse geboren worden sind. Es ist kein mutiges Familiendrama über böse Mädchen, die um die Erbschaft kämpfen, weil sie gierig sind. Es ist eine soziale Tragödie. Es zeigt das wahre Gesicht einer narzisstischen, gewalttätigen, geizigen und verantwortungslosen patriarchalischen Gesellschaft, und es endet damit, dass alle drei Frauen tot sind. Einer der seltsamsten und am wenigsten greifbaren Charaktere bei Shakespeare erbt das Königreich und er bleibt sehr vage und ambivalent, wenn es darum geht, was er als Nächstes vorhat.

Vieles an dem Roman erschließt sich über die Form. Es ist eine sprachliche und persönliche Landkarte, wie die fünf wichtigsten Charaktere sprechen. Keines der Hindi-Wörter ist übersetzt. War das Absicht?
Preti Taneja: Einige Leute könnten sagen, ich hätte keine Kultur und kein Land, weil ich von mindestens zwei Kulturen geprägt bin, aber ich kann Dinge vielleicht besser von außen sehen, wie sie zusammenpassen und miteinander interagieren. Was ich geschrieben habe, ist das, was ich erlebt habe. Die Geschichte ist das, was wir wahrnehmen, von wo immer aus wir uns auch engagieren. Sprache ist politisch – sie prägt uns und unsere Identität. Ich kann nicht immer erklären wollen, was ich höre, was meine Figuren hören, damit es eben authentisch wirkt, so wie im realen Leben die Menschen auch nicht dauernd innehalten, um sich oder anderen Dinge zu erklären. Ich wollte nicht darüber nachdenken, ob meine künftigen Leser schon einmal in Indien gewesen sind. Wenn ich beginne, Dinge zu erklären, die in meinem Buch vorkommen, werden viele Leserinnen und Leser denken, ich bin ein Idiot. Also, ich habe im Sinne meiner Figuren geschrieben und darauf vertraut, dass der Text sich selbst erklärt und den Lesern öffnet.

Ihr Roman ist voller Anspielungen, Zitate, neben den realistischen Beschreibungen von realen, aber auch fiktiven Orten. Haben Sie bei diesem umfangreichen Text alles unter Kontrolle gehabt?
Preti Taneja: Mein Buch ist intertextuell. Sie finden Anspielungen auf Autoren wie Bret Easton Ellis, Martin Amis, Basharat Peer und Jane Smiley — nicht nur auf Shakespeare. Es gibt sehr wenig in dem Buch,  was nicht eine bewusste Entscheidung ist. Jede Zeile, jeder Name, jedes Detail kommt aus einer Art von Prozess. Wenn ich arbeite, ist meine Aufgabe erfüllt, wenn meine fiktionale Welt ausgestattet ist mit der Last der Konflikte unserer Zeit und meine Werkzeuge so scharf sind, wie ich es ermöglichen kann.

Ihre Version von «Lear» ist erschreckend. Sie führen die Geschichte des mächtigen alten Mannes, der sein Erbe verteilt, zusammen mit der Geschichte des modernen Indiens, am Beispiel eines den Markt beherrschenden Konzerns und universeller Korruption.
Preti Taneja: Vierhundert Jahre lang wurde Shakespeares «König Lear» verstanden als heroische Tragödie dieser alternden männlichen Figur und sonst nichts. Ich sehe das Stück aber, wie gesagt, als soziale Tragödie, die alle betrifft, die solche Imperien auf der Grundlage patriarchaler Macht aufgebaut haben. Für mich ist der Patriarch der «Company», Bapuji, das ins Gigantische aufgeblähte männliche Ego, wie es gerade wieder überall an die Schalthebel der Macht gerät. Er hat über siebzig Jahre lang im Land seiner Geburt seine Macht aufgebaut und verfestigt, von der Aufteilung Indiens, über die Jahre der Not, die Liberalisierung bis zum Sieg des globalen Kapitalismus – und ist immer erfolgreicher geworden. Er ist gleichzeitig gefesselt von seiner Vorstellung von sich selbst und seinem Unternehmen, von dem inhärenten Nationalismus, und es hat immer geklappt, hinreichend Einfluss zu nehmen auf das, was die Menschen sagen und tun. Er war immer in der Lage zu manipulieren, das System zum Schutz seiner Interessen zu nutzen, bis zum Punkt absoluter Betriebsblindheit, was hier gewissermaßen der Wahnsinn Lears ist.

Welche Rolle spielt die indische Idee des «Dharma» hier? Und wie sieht es mit den Frauenfiguren aus und ihrem Verhältnis zur Tradition?
Preti Taneja: Ich untersuche in diesem Roman die Idee des Dharma als soziale Hierarchie, also wie sie eingesetzt wird, um soziale Ungleichheit zu zementieren. Das wahre Dharma erlaubt es nicht, solche Strukturen einfach aufrechtzuerhalten. Wenn Sie die Baghavadgita lesen und dort entdecken, dass man mit allem und jedem verbunden ist, mit einer Energie, die nicht erzeugt wird oder zerstört weden kann, dann erhebt man sich über die kapitalistische Matrix oder einer Matrix der Ungleichheit. Die Frauen in meinem Roman haben im Endeffekt nicht die Chance, für sich selbst zu sprechen. Radha etwa (in «König Lear» Regan) ist gefangen zwischen ihren Schwestern, sie werden alle gegeneinander ausgespielt, mit der patriarchalen Methode des Teile-und-Herrsche, sie hassen einander und kämpfen für die Männer. Auf die gleiche Weise arbeiten Kolonisatoren. Mich interessiert die #Me-Too-Bewegung, ich möchte sehen, wie sich die globalen Aspekte der Bewegung verbinden können mit den Dingen, die in Indien passieren: Kinder-Ehen, die Vergewaltigung in der Ehe. Können wir die Kräfte bündeln?

Jeets (Edgars bei «König Lear») Reise im Roman ist eine von extremem Reichtum in die Armut. War es schwierig, dieses Kapitel zu schreiben?
Preti Taneja: Ja, ich habe gekämpft, um diese Passagen zu schreiben, weil ich nicht verfälschen oder Armut pittoresk darstellen wollte. Ich arbeitete in Bereichen, wie diejenigen, die ich hier am Beispiel des fiktiven Slums von Napurthala beschreibe, Erfahrungen in Slums sind Teil meiner Arbeit und Laufbahn. Jeder dort ist großzügig mit seiner Zeit und seinen Geschichten. Aber Jeet lässt nie jemanden sprechen, noch kann er wirklich zuhören. Es ist der Roman, der spricht und zuhört, es ist eine polyphone Erzählung, wer hat das Sagen und wer nicht, und am Ende ist die einzige Wahrheit vielleicht, dass alle leiden, jeder Schmerzen hat, und dass diese Welt so nicht bleiben kann.

Romanhintergrund und Bezüge zum Drama «König Lear» von William Shakespeare

Ein Nachwort von der Übersetzerin Claudia Wenner

«Abhii to main javaan hoon» («Ich bin doch noch jung») lautet der Refrain des Ghazals, in das Gargi, die älteste Tochter, sich für immer hüllen will. «Wir, die wir jung sind, werden nie so viel sehen, noch so lange leben», heißt es in den Schlusszeilen von Shakespeares Tragödie ‹König Lear›. Gesprochen werden sie von Edgar, der in Tanejas Roman Jeet heißt und wie Gargi ein Vertreter der jungen Generation ist, deren Sicht auf das Geschehen in fünf verschiedenen, voneinander getrennten Teilen aus je anderer Perspektive und in je anderer Diktion erzählt wird. Der Patriarch Devraj (Bapuji), der König Lear ist (und einst Maharaja des – fiktiven – Königreichs Napurthala war), unterbricht jeweils mit seinen Erinnerungsmonologen. Gargi ist Goneril, Radha ist Regan, Sita ist Cordelia, Ranjit Uncle ist der Graf von Gloucester und Jivan ist Edmund. Auch für alle anderen Figuren finden sich Pendants, die leicht erkennbar sind, weil die Handlung sich eng an diejenige des Theaterstücks hält: König Lears Liebestest, sein Fluch über die älteste Tochter, die Blendung Gloucesters, der Sturm – der hier nicht auf der Heide, sondern im (fiktiven) Slum Dhimbala stattfindet –, die Ermordung des Hofmeisters Oswald (Uppal) und schließlich die Engführung der Handlung in Dover, das zu Kaschmir wird: Der Roman «Wir, die wir jung sind» ist eine Adaptation, versteht sich jedoch nicht als Shakespeare-Huldigung oder als Ableger. Taneja hat in kritischer Auseinandersetzung mit Shakespeares Tragödie Form und Sprache des «König Lear» ins Indien des einundzwanzigsten Jahrhunderts übertragen. Orte der Handlung sind Delhi, Amritsar, Goa und Srinagar in Kaschmir. Wie Shakespeare sein Stück so hat die Autorin den Roman zudem mit Zeitgeschehen gespeist (dem Hindufundamentalismus in Indien beispielsweise, der Antikorruptionskampagne eines Anna Hazare), aber auch mit den eigenen Lektüren, die als direkte oder indirekte Quellen eingeflossen sind und ein Reservoir an Gedanken, Begriffen, Referenzen, Formulierungen und Anspielungen bilden, aus dem die Leserinnen und Leser ihrerseits schöpfen können. In einem Interview erklärt Taneja, ihr Buch sei ein Gewebe aus korrekten und falschen Zitaten. Es gebe dort Anklänge an viele Autoren, nicht nur an Shakespeare: «Wenn Sie sich an den Zauberer von Oz erinnert fühlen, an Beckett, Dante oder Jane Smiley, an Bret Easton Ellis oder Martin Amis, Tagore oder Allama Iqbal, dann deshalb, weil Sie deren Bücher gelesen haben – was wiederum mit Ihrer Herkunft zu tun hat und damit, wer Sie sind. Wenn Sie diese Anklänge nicht hören, verpassen Sie nichts. Dann lesen Sie das Buch einfach als Bollywood- Familienroman».

Wesentliche Anregungen verdankt Preti Taneja zwei König-Lear-Bearbeitungen: Edward Bonds 1971 uraufgeführtem Theaterstück ‹Lear›, einem eher eigenständigen, politischen Stück über Gewalt, sowie Joan Smileys 1991 erschienenem, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetem Roman ‹A Thousand Acres› («Tausend Morgen»), einem feministischen Anti-Lear, der im Farmermilieu des mittleren Westens der USA spielt. Der Satz, den Taneja zu Jivans Mantra macht («Es geht nicht um Land, es geht um Geld»), sei eine Reaktion auf Smileys Roman gewesen, erklärt Taneja; auch die Obsidianscherbe, mit der das Gebäude verglichen wird, in dem sich Gargis Büro befindet, verknüpft Tanejas Buch mit demjenigen von Smiley.

Manchen zitierten Romantitel, der auf Deutsch schlecht erkennbar ist, habe ich mit einem Sternchen versehen und im Glossar untergebracht – ebenso wie wichtige Wortspiele. Im Glossar finden sich außerdem die ins Deutsche umgebetteten und wie Lehnwörter behandelten Hindiwörter. Nicht aufgenommen wurden Begriffe, die in der deutschen Wikipedia zu finden sind. Die Anklänge an andere Bücher beschränken sich jedoch nicht auf wörtliche Zitate: Manchmal sind es Satzvarianten, die die Verbindung herstellen – und sich gleichzeitig vom Zitat absetzen. Wenn es beispielsweise auf S.147 über Gargi heißt: «Sie wird die Blumen für den Mogul-Schreibtisch ihres Vaters selbst bestellen» («She will order the blooms for her father’s Mughal desk herself»), so hört, wer Virginia Woolfs Romane kennt, unweigerlich den ersten Satz von ‹Mrs Dalloway› heraus. Die Anspielung an den Bloomsbury-Kreis ließ sich dagegen nicht bewahren. Oder es ist ein Schauplatz – wie das verlassene, halb zerstörte Haus in Srinagar, in dem sich Devraj mit Sita befindet –, der atmosphärisch an den lyrischen Mittelteil ‹Time Passes› (‹Zeit vergeht›) von Woolfs Roman ‹To the Lighthouse› (‹Zum Leuchtturm›) erinnert, hinter dem sich wiederum andere Echoräume auftun. Tanejas Verfahren hat etwas Spielerisches, verweist aber gleichzeitig auf die Intertextualität von Literatur und ist auch als indirekter Kommentar zu verstehen. Besonders deutlich wird dies dort, wo Zitate aus König Lear wörtlich erklingen, jedoch – wie beispielsweise nach Ranjits Blendung – durch Wiederholung modifiziert werden («Das andere auch! Das andere auch! […] Nimm ihm das andere auch!») oder ihren Bezug ändern – wie beispielsweise Lears berühmtes ‹Heult, heult, heult!› (‹howl, howl, howl›), während er die tote Cordelia in den Armen hält, das in Devrajs Schlusswort eine neue Bedeutung erhält. Manche Worte aus König Lear werden anderen Figuren in den Mund gelegt: Wenn Jivan fragt «Warum sagst du nicht, was du fühlst?», dann verweist dies auf Edgars Schlusszeilen der Tragödie. Oder «das versprochene Ende», das in ‹König Lear› das Ende der Welt im jüngsten Gericht meint, wird Gargi zugeeignet und verliert die christliche Konnotation. Bildliche Rede wird manchmal auf andere Personen verschoben ( «in Gargis Kopf tost ein Sturm» statt König Lears «der Sturm in meinem Geist») oder sie wird zerlegt (wie König Lears hoffnungsvolle Utopie «Wir zwei allein wolln singen, Vögeln gleich im Käfig…») und auf verschiedene Stellen und Figuren verteilt.

Preti Taneja hat fast nichts dem Zufall überlassen. Details, die man für Druckfehler halten könnte, sind genau bedacht: Wenn Gargi manchmal ‹Beti› (Tochter) und dann wieder ‹Beta› (Sohn) genannt wird, so entspricht dies durchaus indischer, patriarchalischer Gepflogenheit. Die – bei Shakespeare oft sexuell konnotierten – Wortspiele, für die das Englische seit der in elisabethanischer Zeit entstandenen Homophone bekannt ist, werden durch die Vermischung mit Hindi noch zahlreicher. Die Rede- und Stimmenvielfalt, die zahllosen Sprachregister, die auch der Charakterisierung der Figuren dienen – Jivans Amerikanismen, das Babu-Englisch eines Punj, Devrajs halb obsoletes, von Poesie und Wahnsinn durchsetztes Englisch, der Wechsel zwischen Hindi und Englisch, die zu Hinglisch vermischten Wörter und Sätze – spiegeln die Redeweise in Indien glaubwürdig wider, dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei diesem Roman um ein antiutopisches Märchen handelt: Vermeintlich realistische Beschreibungen (beispielsweise von Speisen oder Orten) sind ironisiert, und das bei Amritsar liegende Königreich Napurthala ist eine Erfindung, ebenso wie die dort gesprochene Sprache Napurthali, der Slum Dhimbala, die Jhimbas oder die Hindusekte der Naphs.

Bei der Übersetzung der Quellen aus dem Sanskrit (Mahabharata, Bhagavad Gita, Rig Veda, Ramayana) habe ich mich an Direktübersetzungen ins Deutsche orientiert. Das Ghazal ‹Abhii to main› von Hafeez Jalandhari auf S. 228 wurde von Jyoti Sabharwal und mir aus dem Urdu übertragen. Kabirs Gedichte und Zeilen wurden, statt auf die diversen Fassungen in Hindi zurückzugreifen, in der klugen Übertragung von Arvind Krishna Mehrotra aus dem Englischen übersetzt.

Internationale Presse

«Unwiderstehlich! Einer der besten und originellsten Romane des Jahres.»
Sunday Times

«Brillant … kunstvoll konstruiert … Preti Taneja hat uns etwas besonders Seltenes gegeben, einen Pageturner, der zugleich unerschrocken politisch ist.»
The Guardian

«Taneja verbindet Zorn mit Poesie … Die Wirkung hat etwas Zwingendes und Erhebendes … Ein denkwürdiges, nationales Epos.»
The Times Literary Supplement

«Ein denkwürdiges Bild vom Indien der Gegenwart … Taneja, die sinnlich und anschaulich schreibt, schildert eindrucksvoll das Dilemma der Frauen – eine erschreckende Warnung.»
The Irish Times

«Taneja schreibt so vielschichtig, dass sie unsere schlichte Vorstellungskraft, die wir sonst gewöhnt sind, übersteigt … ein glänzendes Werk.»
White Review

«Tanejas Prosa ist intensiv, detailliert und fesselnd … Leserinnen und Leser werden ebenso genau spüren, wie sich das Daunenkissen in einem Fünf-Sterne-Hotel anfühlt, wie sie die Kanalisation in den Slums einer Industriestadt riechen können.»
The Asian Review of Books

«Preti Taneja muss man im Auge behalten, kein Zweifel!»
Deborah Levy

«Absolut fesselnd, sehr intelligent, sehr bewegend, sehr subtil, wunderbar ambitioniert und höchst originell.»
Andrew Motion

«Der beste Roman über Indien seit Vikram Seths ‹Eine gute Partie›.»
John Mitchinson

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