Leseprobe "Für ein Leben" von Ulrich Woelk

1 Fehldiagnose

     Als Nikisha Lamont ihrem späteren Ehemann, Clemens Rubener, erstmals begegnete, hätte sie ihm um ein Haar die Fruchtbarkeit geraubt. Das war im Winter 1989/90, kurz nachdem die Mauer zwischen Ost- und Westberlin gefallen war, politisch aber noch zwei deutsche Staaten existierten. Die geteilte Stadt, die geschlossenen Grenzen kannte Niki nicht, sie war erst vor wenigen Wochen aus Guadalajara in Berlin angekommen und hatte eine Stelle als Ärztin in einem Krankenhaus im Bezirk Wedding angetreten – nicht unbedingt dem attraktivsten Viertel der Stadt. Aber das wusste sie nicht.
     Das Krankenhaus lag in der Nähe der Grenzanlagen, und Niki hatte als Ärztin vom ersten Tag an fast pausenlos zu tun. Die Öffnung der Mauer hatte den Notaufnahmen, die auch vorher schon notorisch überfüllt gewesen waren, eine Menge weiterer Patienten beschert. Überhaupt konnten sich sämtliche Westberliner Institutionen und Geschäfte danach vor Publikum kaum retten – ganz gleich ob Banken, Supermärkte, Autohäuser oder Sexshops. Überall standen Neugierige und Schaulustige aus der Osthälfte der Stadt und des ganzen Landes Schlange, und so herrschte in den Straßen Westberlins ein paar herbst- und frühwinterliche Wochen lang eine ungewöhnliche Mischung aus alltäglicher Geschäftigkeit, vorweihnachtlichem Einkaufsgedränge und historischer Euphorie. Berlin hatte sich gleichsam verdoppelt, und ein Witzbold meinte, dass John F. Kennedy in diesem beispiellosen Winter 1989/90 hätte sagen müssen: «Ich bin zwei Berliner.»
     Clemens Rubener kam mit akuten Schmerzen im linken Hoden in die Notaufnahme. Draußen hatte es begonnen zu schneien, und jedes Mal wenn die Automatiktür sich öffnete, wehte ein Schwall kalter Luft mit nervösen Flockenwirbeln in den Korridor. Durch ein Fenster im Anmeldungsraum konnte man den verwaschenen Schein der Bogenlampen sehen, die den nahen Grenzstreifen beleuchteten, keine fünfzehn Gehminuten vom Krankenhaus entfernt.
     Die Patienten aus dem Ostteil der Stadt passierten die Mauer an einem provisorischen Durchbruch, den man wenige Tage nach dem 9. November 1989 geöffnet hatte, und folgten auf westlicher Seite einem Wegweiser mit einem roten Kreuz, der dort schon seit Jahren unbeachtet an einem Laternenpfahl hing und nun endlich seinen Dienst tun konnte. Neben Patienten, die mit akuten Beschwerden ins Krankenhaus kamen, gab es auch andere, die hofften, durch die, wie sie annahmen, besseren Möglichkeiten des medizinischen Systems im Westteil der Stadt von alten chronischen Leiden befreit zu werden. Und zu Beginn kamen manche wohl auch einfach nur aus Neugier.
     Diese Patienten mischten sich im Warteraum mit jenen, die auch ohne die Grenzöffnung Hilfe in der Notaufnahme gesucht hätten. Die erste Aufgabe der Ärzte und des Pflegepersonals war es daher, die knappen Ressourcen der medizinischen Betreuung noch effizienter auf Bedürftige und weniger Bedürftige zu verteilen. Das aber fiel Niki schwer. Sie hatte den Hippokratischen Eid nicht abgelegt, um möglichst produktiv in einer überlasteten Gesundheitsfabrik zu funktionieren. Allerdings waren die Notaufnahmen in Mexiko auch keine Ruhezonen gewesen. Niki sah irgendwann ein, dass sich die ungewöhnliche Situation mit ihrer idealistischen Haltung nicht bewältigen ließ.
      Um ihren Ansprüchen wenigstens teilweise gerecht zu werden, arbeitete sie so viel, wie es ihr nur irgend möglich war – und mit fünfundzwanzig Jahren war sie in dieser Hinsicht ziemlich belastbar. Außerdem machte sich für ein paar Wochen kaum jemand Gedanken um Arbeitszeitregelungen, tarifvertragliche Pausenzeiten oder Überstunden- und Gleitzeitkonten. Allerdings schlief Niki zu wenig, und manchmal hatte sie aus Übermüdung Halluzinationen, hörte Fragen von Kollegen, die in Wahrheit keinen Ton gesagt hatten, oder hatte optische Täuschungen wie knapp über der Matratze schwebende Patienten, schwach schimmernde goldene Aureolen über ihren Hinterköpfen und in einem Fall sogar blasse Engelsflügel, die aus den Schultern eines hereinkommenden Kindes wuchsen und sich schließlich in die wirbelnden Schneeflocken vor der Notaufnahme zurückverwandelten.
     Vielleicht hätte Niki sich deswegen Sorgen machen sollen, aber bisher hatte sie sich noch keinen Behandlungsfehler zuschulden kommen lassen und leistete zuverlässig ihren entschlossenen Beitrag zum Wohle der Menschheit. Die zwischenzeitliche Müdigkeit bekämpfte sie mit zahllosen Bechern einer bitteren, ölig-schwarzen Automatenflüssigkeit, die den Namen Kaffee kaum noch verdiente. So auch jenen kurzen Schwindel, der sie erfasste, bevor sie Clemens Rubener gegenübertrat. Medizinisch gesprochen, behandelte sie ihre Übermüdung mit einer weiteren Dosis Koffein, danach fühlte sie sich wieder hinreichend sicher auf den Beinen, um sich den Schmerzen in seinem linken Hoden zuzuwenden.
     Clemens sah elend aus. Die Beschwerden hätten, so sagte er, als sich die Tür des Behandlungszimmers hinter Niki schloss, am späten Nachmittag unvermittelt angefangen, als leichter Druck, der innerhalb von anderthalb Stunden immer stärker und inzwischen fast unerträglich geworden sei. Bald schon habe er sich auch fiebrig gefühlt, und dann sei ihm übel geworden. Daraufhin habe er zwei Aspirin und eine Vomex geschluckt und sich auf den Weg in die Notaufnahme gemacht. Niki machte ein paar Notizen auf dem Aufnahmeformular und überlegte dabei einen Moment lang, ob es nicht besser wäre, diesen Fall einem männlichen Kollegen zu überlassen. Aber in Anbetracht des Krankenstaus im Wartezimmer war ihr schnell klar, dass sie auf ein mögliches Schamgefühl ihres Patienten keine Rücksicht nehmen konnte. Im Übrigen machte er, Niki schätzte ihn auf Ende zwanzig oder Anfang dreißig, auf sie nicht den Eindruck, als störe es ihn, wenn eine Frau seinen Hoden begutachtete.
    Sicher war, dass es Clemens schlecht ging. Sein linker Hoden war geschwollen und gerötet und fühlte sich warm an. Niki vermutete, dass es sich entweder um eine Epididymitis, eine durch verschiedene Bakterien verursachte Entzündung des Nebenhodens, oder um eine Hodentorsion handelte – eine spontane oder durch äußere Einwirkung verursachte Verdrehung des Hodens, bei der sich der Samenleiter um die Blutgefäße im Skrotum wickelte und diese abschnürte, sodass die Versorgung mit Sauerstoff unterbrochen wurde.
    Da aber weder das eine noch das andere zum Alltag in der Notaufnahme gehörte, musste Niki sich kurz besinnen. Während bei Kindern, so erinnerte sie sich, die Hodentorsion vorherrschte, wurde die Epididymitis mit zunehmendem Alter häufiger, vor allem bei Männern in den Zwanzigern sowie zwischen dem vierzigsten und sechzigsten Lebensjahr, da die meisten Nebenhodenentzündungen de facto durch sexuelle Kontakte übertragen wurden.
     Als Niki mit ihren Überlegungen an diesem Punkt angekommen war – sie betastete, wenn auch eher mechanisch, immer noch Clemens Rubeners Hoden –, fragte sie sich, ob seine Beschwerden nicht auch eine indirekte Folge der politischen Ereignisse sein konnten. Schließlich hatten der Fall der Berliner Mauer und die politische Öffnung Osteuropas nicht nur für Menschen ein Hindernis aus dem Weg geräumt, sondern auch für Bakterien und Krankheitserreger.
     Niki erinnerte sich an einen Artikel im International Journal of Epidemiology, der jüngst vor der Einwanderung neuer Chlamydienstämme aus Osteuropa gewarnt hatte. Allerdings konnten auch urinogene Bakterien – bestimmte Enterokokken – eine Entzündung des Nebenhodens verursachen. In diesem Fall wäre Ciprofloxacin oder Ofloxaxin angezeigt gewesen. Sexuell übertragbare Erreger wie Chlamydia trachomatis hingegen sprachen auf Doxyzyklin an. Um zu entscheiden, welche Medikation die richtige war, musste Niki Clemens fragen, ob er in den vergangenen achtundvierzig Stunden Geschlechtsverkehr gehabt hatte.
     Üblicherweise haftete solchen Fragen zwischen Arzt und Patient nichts Anstößiges an, aber Niki war als junge Ärztin noch nicht sehr erfahren und neigte dazu, das wusste sie sehr gut, sich manchmal zu sehr mit den Patienten und ihren Sorgen zu identifizieren. Vor allem aber hielt sie immer noch Clemens Rubeners Hoden in der Hand. Wie sich allerdings herausstellen sollte, machte sie sich wieder einmal zu viele und zu komplizierte Gedanken. Die Frage, ob er in den vergangenen achtundvierzig Stunden Geschlechtsverkehr gehabt habe, störte Clemens nicht nur nicht, ihre Beantwortung schien sogar eine gewisse belebende Wirkung auf ihn auszuüben. Mit einem für seinen Zustand recht unbeschwerten Tonfall und ganz und gar geradeheraus sagte er: «Ein paar Mal.»

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