Ulrich Woelk im Gespräch mit seinem Lektor Martin Hielscher

(Martin Hielscher) In Ihrem neuen Roman erzählen Sie eine groß angelegte Geschichte aus der Perspektive zweier weiblicher Figuren, Niki Lamont und Lu Sellen, eine Geschichte, die beide Figuren über einen recht langen Zeitraum und in ausgesprochener Nähe begleitet. Seit Gustave Flauberts Diktum „Emma Bovary – c’est moi!“ und seit Fontanes „Effi Briest“ ist viel Zeit vergangen und die literarische Lizenz zum Einfühlen auch ins andere Geschlecht wird gerade intensiv debattiert – wie selbstverständlich oder problematisch war es für Sie, diese beiden Frauenfiguren zu Ihren zentralen Gestalten zu machen?


(Ulrich Woelk) Ich fühle mich in der Gegenwart von Frauen immer sehr wohl, und das gilt wohl auch am Schreibtisch. Aber stimmt schon, ich habe mir darüber Gedanken gemacht und mich beim Schreiben oft gefragt, ob ich die Perspektive meiner Heldinnen richtig treffe – ihre Gefühle, ihre Gedanken. Allerdings frage ich mich das bei allen Figuren meiner Romane immer wieder, unabhängig vom Geschlecht. Flaubert glaubte an eine Art objektive Realität der Person, die man sein oder nicht sein konnte. Aber eigentlich sind alle Menschen, denen wir begegnen, letztlich Fiktionen, Erfindungen von uns. Wir stellen sie uns so oder so vor. Wer sie wirklich sind, wissen wir nicht.

Eine Romanfigur zu erschaffen und sich in sie hineinzufühlen, ist immer ein Wagnis, und ich denke, auf das Geschlecht kommt dabei gar nicht so an. Man kann nicht alle Erfahrungen selber machen, über die man schreibt. Ich bin nie aus der DDR geflohen, bin kein Aufzugmonteur und auch nicht homosexuell – und doch spielen solche Figuren in „Für ein Leben“ eine wichtige Rolle. Und was ist mit der Kultur? Vermutlich ist es für mich leichter, mich in eine Frau aus unserem Kulturkreis hineinzufühlen als in einen Mann aus einem mir fremden. Nicht über andere – und insbesondere über Frauen – schreiben zu können oder dürfen, würde in letzter Konsequenz doch bedeuten, nur noch sich selbst zum Thema zu haben.


Ihr großer Roman folgt einer Reihe von sehr unterschiedlichen Figuren aus unterschiedlichen Milieus über einen engeren Zeitraum von fünfzig Jahren, nicht eingerechnet die Vorgeschichten; die Romanhandlung ist nicht nur in Deutschland, sondern etwa auch in Frankreich, Indien, Afghanistan, Mexiko und den USA angesiedelt. Sie haben aber eine klassische, übergeordnete Erzählhaltung gewählt, wobei der Roman nicht rein linear erzählt ist und sich nahe an die Erlebniswelt der Figuren anschmiegt – Sie haben aber keine perspektivische und zum Beispiel im Ton diverse Erzählweise gewählt, also kein modernistisches oder experimentelles Verfahren. Was sind hier Ihre ästhetischen Beweggründe?

Ich habe mich beim Umgang mit Formen immer sehr frei gefühlt. Ich habe in Ich-Form geschrieben, subjektiv-personal in Er-Form und auch multiperspektivisch. Nach einer Anfangsphase hat sich jeder Stoff seine passende Form gesucht. Zu Beginn der Arbeit an „Für ein Leben“ wurde mir schnell klar, dass ein übergeordneter Erzähler mir als Autor die besten Mittel bietet, die Fülle von Figuren, Ereignissen, Handlungsorten und -zeiten darzustellen und miteinander zu verknüpfen. Ich konnte jederzeit von der Innensicht der Figuren in die Außenperspektive wechseln, konnte beim Erzählen mit einem Satz Jahre überbrücken oder Handlungsfäden an ganz anderer Stelle wieder aufnehmen.

Es war eine bewusste Entscheidung, mir diese übergeordnete Perspektive zu eigen zu machen. Ich fand es zudem eine Herausforderung, weil ich das zuvor literarisch so konsequent noch nicht gemacht habe. In gewissem Sinne übernimmt man dabei als Autor für die Geschichte die volle Verantwortung, weil man sie niemand anderem zuschreibt, als dessen Sprachrohr man sich maskiert. Und ist das nicht eigentlich der Ursprung des Erzählens? Die Faszination der großen Mythen liegt ja genau in dieser übergeordneten Behauptung von Welt und Wahrheit.

Zu Ihren Figuren gehören nicht nur mit Lu eine Schauspielerin, sondern auch ein (Porno-)Filmproduzent, ein Komponist, ein Schriftsteller und ein Bildender Künstler – ist „Für ein Leben“ auch ein Roman über die Rolle der Künste? Niki und sogar auch Lu verstehen sich dagegen gar nicht oder nur unter Widerständen als Künstlerinnen, oder? Die beschriebenen Kunstkonzepte bewegen sich zwischen Trash und Avantgarde, ist da auch gelegentlich Ironie im Spiel?

Vielleicht ein wenig hier und da. Kunstschaffen, ganz gleich ob Trash oder Avantgarde, ist zunächst einmal immer ein legitimer Ausdruck der Zeit. Aber natürlich hat manches im Rückblick auch komische Aspekte. Wenn man sieht, dass eine vermeintlich radikale Ästhetik Jahre später in der Werbung auftaucht oder einstmals subversive Graffiti zu gängigen Chiffren der Popkultur werden, relativiert sich das eine oder andere.

Was Niki betrifft, so ist sie selbst überrascht, dass ausgerechnet sie in die Künstlerwelt gerät. Sie empfindet ihr Wesen ja keineswegs als anvantgardistisch – ganz im Gegenteil. Eigentlich kommt sie nach Berlin, um der mexikanischen Hippiekoloniewelt ihrer Eltern zu entfliehen – Eltern, die sich im weitesten Sinne auch als Künstler, in jedem Falle aber als Lebenskünstler verstehen. Ohne dass es ihr bewusst wäre, hängt Niki, das abtrünnige Blumenkind, aber doch an dieser Welt der Aussteiger und Kreativen.

Bei Lu ist die Beziehung zur Kunst eine vollkommen andere. Sie versteht de facto nicht das Geringste davon, weil Kunst in ihrer Berlin-Weddinger Kinder- und Jugendwelt überhaupt nicht vorgekommen ist. Nur durch Zufall, und weil sie keinen Plan für ihr Leben hat, landet sie auf einer Theaterbühne und spielt alle anderen an die Wand. Egal ob Trash oder Avantgarde – am Ende liefert stets Lu, die sich überhaupt nicht als Künstlerin versteht, jenen, die sich als solche verstehen, die kreativen Impulse.

Ihr Roman erzählt anhand einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte eine deutsch-deutsche und streckenweise auch globale Geschichte seit den sechziger Jahren – Sie haben immer schon Lebensgeschichten und Zeitgeschichte miteinander verwoben, aber noch nie so umfassend wie hier – war das ein Antrieb oder eher ein Effekt der Erzählanlage?

Ob es uns bewusst ist oder nicht: Jeden formt ein komplexes Widerspiel aus Lebens- und Zeitgeschichte. Wenn man von Menschen erzählt und verständlich machen will, warum sie so und nicht anders sind und handeln, ist beides von Bedeutung. Insofern würde ich sagen, die Zusammengehörigkeit von Lebens- und die Zeitgeschichte ist ein Aspekt des Lebens, und die erzählerische Frage ist, wie weit man ausholt.

Bei Niki war mir von Anfang an klar, dass ich die Geschichte ihrer Eltern miterzählen muss, dass es nicht reichen würde zu sagen, die waren eben Aussteiger und Hippies. Nikis Lebensentscheidungen sind zu eng mit der Geschichte ihrer Eltern verflochten. Und wenn Vic aus der DDR flieht, dann ist seine private Geschichte ganz automatisch ein Ausdruck deutsch-deutscher Zeitgeschichte – eine Geschichte übrigens, die in Berlin sowieso immer greifbar ist, sei es, dass der Luftschutzbunker im Wedding ein fester Bestandteil von Lus Kindheitserinnerungen ist, man in den Jahren der Teilung vom Wedding nach Kreuzberg ohne Halt durch stillgelegte U-Bahnhöfe fuhr oder der Fall der Mauer für alle Romanfiguren einen biografischen Einschnitt darstellt.

Auffallend ist, dass es nicht nur eine, sondern viele und komplexe, sehr unterschiedliche, ja diverse Liebesgeschichten in Ihrem Roman gibt und dass die Sexualität und das Beziehungsleben in vielen Facetten eine Rolle spielen – fast hat man den Eindruck, eine vita sexualis der Baby-Boomer-Generation zu lesen, war das eine Absicht, ein explizites Thema für Sie? Oder hat sich das eher ergeben?

Die Antwort schließt sich nahtlos an die auf die vorangegangene Frage an. Man könnte sagen, dass die enorme Bedeutung, die das Thema Sexualität in den vergangenen fünfzig Jahren gesellschaftlich erlangt hat, selbst schon ein Aspekt der Zeitgeschichte ist. Diese Entwicklung ist mit der Generation der Baby-Boomer unauflöslich verbunden. Während in den Sechzigerjahren Homosexualität noch ein Tabuthema war, machen wir uns heutzutage daran, das ganze Konzept der binären Sexualität zu hinterfragen, sprechen öffentlich über fluid gender und Intergeschlechtlichkeit und haben bei Bewerbungen schon ganz selbstverständlich die Geschlechtsangabe divers auf dem Zettel. Was für ein Weg ist da zurückgelegt worden!

So gesehen wird Sexualität ganz von selbst zu einem der zentralen Motive eines Romans über Menschen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren geboren wurden. Der enorme erzählerische Reiz dabei liegt darin, dass es für die vielen Spielarten der Sexualität, die wir inzwischen nicht mehr als Perversionen, sondern als Teil der sexuellen Realität interpretieren, noch keine vorgefertigten Erfahrungsschablonen gibt. So weiß, oder vielleicht eher ahnt, Niki zwar, dass sie nicht traditionell heterosexuell ist, aber was sie ist, muss sie erst noch herausfinden. Und bei Lu ist das im Grundsatz nicht anders, wenn im Detail auch sehr anders ausgeprägt.

Und dann ist da noch die Frage, wie sich all das mit dem bis heute ja ungebrochen wirkmächtigen Ideal der romantischen Liebe verträgt. Geht das überhaupt, in einer sexuell derart ausdifferenzierten Zeit den Traum von einer aus einem einzigen großen Gefühl gespeisten Bindung aufrechtzuerhalten? Ist denn da das Scheitern nicht bereits vorherbestimmt? Oder in einem einzigen Satz zusammengefasst: Bezahlen wir die sexuelle Freiheit am Ende nicht mit Einsamkeit?

Mit Niki, die als Ärztin an einem Krankenhaus im Berliner Bezirk Wedding arbeitet, kommt eine Figur ins Spiel – fast müsste man sagen, die eigentliche Hauptfigur – die sich aus ihrem Herkunftsmilieu, stark von der Studentenbewegung und der Aufbruchsstimmung der 60er Jahre geprägten Hippie-Eltern, weit entfernt hat, ja gewissermaßen diametral entgegen lebt und arbeitet - die deutschen Eltern, die liebevoll-ironisch, aber auch sehr kritisch gesehen werden, sind in Mexiko geblieben, Niki geht nach Deutschland zurück; auch in „Der Sommer meiner Mutter“ kehren Sie ins Milieu der 68er-Bewegung zurück und arbeiten mit Kontrasten – ist die Auseinandersetzung über bürgerliche und anti- oder nach-bürgerliche Werte und Lebensformen, abgesehen von der politischen Kritik, ein Thema für Sie geblieben? Kann man nicht auch sagen, dass Niki in gewisser Weise sehr wohl die Werte Ihrer Eltern lebt?

Zweifellos waren die späten Sechzigerjahre der Ausgangspunkt für die gesamte soeben geschilderte Entwicklung. Und ja, die Fragen, die sich daraus ergeben, lassen mich als Autor – und auch als Mensch – nicht los. Natürlich profitiert Niki ganz enorm von dem Wertewandel, den die Generation ihrer Eltern angestoßen hat. Sie nimmt sich ganz selbstverständlich die Freiheit heraus zu studieren, für eine Frau ein halbes Jahrhundert zuvor nahezu undenkbar, sie lebt – wenn auch nicht unbedingt so geplant – in einer WG mit Kaspar, einem homosexuellen Künstler, zusammen, und ihr Verhältnis zu ihren Eltern ist nicht von autoritären Mustern geprägt.

Das macht dieses Verhältnis allerdings eher komplizierter, weil die traditionellen Eltern-Kind-Rollen nicht mehr funktionieren. Gegen elterliche Autorität kann man sich als junger Mensch zur Wehr setzen, aber wogegen wehrt man sich, wenn niemand einem Vorschriften macht? Irgendwann wird Niki bewusst, wie sehr sie von ihren Eltern geprägt ist, auch ohne dass diese jemals explizit von ihr verlangt hätten, zu sein oder zu werden wie sie. Niki muss ihren Weg aus sich selbst herausfinden. Und trotz aller Unsicherheit gelingt ihr das ja auch.

Wenn Ihr Roman, und auch viele andere Ihrer Bücher, sich an der Geschichte der jüngsten Vergangenheit und den gesellschaftlichen, aber auch technisch-wissenschaftlichen Veränderungen gewissermaßen abarbeitet – denken Sie, dass Literatur eine historische Erkenntnisfunktion hat, dass Sie hier eine Bedeutung, eine Aufgabe hat?

Vielleicht hat sie die, aber sie spielt für mich beim Schreiben keine Rolle. Ich gebe wohl zu, dass ich mir nur schwer vorstellen kann, dass die Geschichten, die ich erzähle, antiaufklärerisch wirken, weil das meiner Haltung zur Welt widersprechen würde. Als Mensch bin ich fest davon überzeugt, dass es besser ist, Dinge zu wissen, als sie nicht zu wissen, aber als Autor fühle ich mich für die Produktion solchen Wissens nicht verantwortlich. Ich möchte niemandem vorgeben, bestimmte Schlüsse aus meinen Geschichten zu ziehen. Ich denke, gute Geschichten sprechen erst einmal für sich selbst. Obgleich mir der Gedanke der Katharsis, der reinigenden Wirkung einer Geschichte, gefällt, sehe ich mich selbst doch eher als Überbringer, als Medium.

Sie sind von Hause aus Astrophysiker und die erste bemannte Mondlandung war der Referenzrahmen für ihren vorigen, sehr erfolgreichen Roman „Der Sommer meiner Mutter“ – nun ist die Referenzwissenschaft, wenn man das so sagen kann, die Medizin – Niki ist Ärztin und medizinische Eingriffe, Diagnosen, Fehldiagnosen und Optionen spielen eine große Rolle, war Ihnen das besonders wichtig?

Wahrscheinlich habe ich zu viel Emergency Room und Dr. House geguckt. Das Schöne – aus erzählerischer Sicht – ist ja, dass die Medizin eben keine exakte Wissenschaft ist, sondern viel mit Intuition, Mehrdeutigkeiten und Spontaneität zu tun hat. Im Gegensatz zu einer falschen Formel hat eine falsche Diagnose unmittelbare und mitunter sehr einschneidende Folgen. Das macht die Medizin so spannend.

Wichtig war mir jener innere Kampf, den Niki bei ihrer Arbeit tagtäglich kämpft. Als Ärztin neigt sie sehr zur Empathie mit ihren Patienten, sodass es ihr schwerfällt, immer einen kühlen medizinischen Blick für deren Zustand zu bewahren. Andererseits sind es ihre Intuition und ihre Empathiefähigkeit, die es ihr schließlich ermöglichen, Lus Vater zu retten – wenn auch nicht endgültig. Ja, die moderne Medizin ist spannend, weil sie einerseits eine grandiose Erfolgsgeschichte ist und das Scheitern doch immer so nahe liegt. Ärzte sind eben doch keine Götter. „Wenn es Wunder gibt“, denkt Niki einmal, „dann geschehen sie nicht auf der Intensivstation.“ Was sie auf eine bestimmte Weise aber auch bedauert.

Ein anderes Thema Ihres Romans ist, wenn man genau hinschaut, Religion, spirituelle Erfahrung, Mystik, das ganze Spektrum des Göttlichen – wir haben also eigentlich alle Sphären versammelt, das Alltägliche, die Kunst, die Wissenschaft und die Religion – ist das so, weil das einfach zu einem vollen Leben dazugehört oder wollten Sie diese Sphären bewusst versammeln? Ist das Religiöse für den Astrophysiker Woelk doch auch eine Bedeutungssphäre geblieben? Oder eher eine wunderbare fiktionale Welt des Zaubers und natürlich auch der Rituale und Herrschaftsformen?

Mit der Religiosität verhält es sich ganz ähnlich wie mit der Sexualität. Inzwischen gibt es eine unüberschaubare Fülle von spirituellen Vorstellungen und Lehren, die vor fünfzig Jahren hierzulande ganz undenkbar war. Die jüngere Religionsgeschichte ist eine Geschichte der zunehmenden Individualisierung und Ausdifferenzierung, und Nikis Eltern, Susanne und Michael, sind Vorreiter dieser Entwicklung. Sie, insbesondere Nikis Mutter, sind spirituelle Eklektizisten. Was ihnen gefällt, ganz gleich, ob es aus dem Christentum, dem Hinduismus oder der Naturreligion der mexikanischen Huicholen stammt, integrieren sie als Baustein in ihr spirituelles System. In diesem esoterischen Sammelsurium wächst Niki auf. Sie bezeichnet sich einmal als christlich hinduistische Muslima. Was mir daran gefällt, ist, dass es den Absolutheitsanspruch von Religionen untergräbt.

Als Astrophysiker finde ich, dass die Forschung den Kosmos nicht etwa entzaubert, sondern ihn uns, ganz im Gegenteil, als noch zauberhafter und faszinierender vor Augen führt, als wir ihn eigentlich wahrnehmen. Wenn wir nachts aufschauen, erhebt das, wie Kant es ausdrückte, vielleicht unser Gemüt, aber was wir sehen, ist gemessen an dem, was dort oben ist, eher wenig: einen großen dunklen Raum mit ein paar Tausend Lichtpunkten. Das Universum, dass uns die Forschung heute zeigt, ist in unglaublicher Weise komplexer, rätselhafter und vielgestaltiger, als der Nachthimmel für das bloße Auge. Und vielleicht ist der Gedanke, dass all das aus sich selbst heraus entstanden ist, geheimnisvoller, erhebender oder sogar spiritueller, als die Annahme, dass es das Werk eines Gottes ist.

Ihr Roman ist ein Füllhorn von Geschichten, die zwanzig Kapitel lesen sich alle wie kleine Novellen, die Wendungen sind zum Teil verrückt oder aberwitzig – in welcher Tradition sehen Sie sich als Erzähler? Da ist ja auch eine Lust am Fabulieren am Werk, auch eine Freude am Unterhalten?

Ich habe nie viel von der Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur gehalten. Ich möchte da noch einmal auf unsere großen Mythen zurückkommen. Die Menschen hätten sich diese Geschichten doch nicht immer und immer wieder über Generationen erzählt, wenn sie sich dabei gelangweilt hätten. Und wer wollte bestreiten, dass in diesen Mythen zugleich „ernsteste“ Menschheitserfahrung abgebildet und aufgehoben ist?

Vielleicht ist es ja auch nur ein Streit um Worte. Im Deutschen wird Unterhaltung oft im Sinne von Zerstreuung benutzt. Eine gute Geschichte zerstreut die Menschen aber nicht, sondern sammelt und fokussiert sie. Sie ist niemals langweilig, sondern in diesem Sinne unterhaltend, und das möchte ich als Autor natürlich erreichen. Meine Lust am Erzählen und Fabulieren kreist immer um den Wesens-, Sehnsuchts- und auch Schmerzkern meiner Figuren. Das ist mein Fokus, und manchmal ist es gerade das Verrückte und Aberwitzige, dass diesem Kern am nächsten kommt.

Der Roman spielt in Berlin, wo Sie seit langem leben, vor allem im Wedding, wo Sie einmal gewohnt haben, die Wallfahrt nach Lourdes haben Sie für eine Reportage selbst einmal gemacht, nicht nur der Schauplatz in Mexiko, auch andere sind Ihnen vertraut, wie viel von Ihrer eigenen Erfahrung, Ihrer Biographie steckt in diesem Roman, sicher Ihrem bislang ambitioniertesten? Was war der Ausgangspunkt?

Das ist wirklich schwer zu beantworten. Ich habe als Erzähler in meiner Fantasie zuerst diese beiden Frauen gesehen, wenn auch noch aus großer Entfernung: Niki und Lu. Von ihnen und ihren so unterschiedlichen Biografien bin ich ausgegangen, das ist schon recht lange her. Vor gut zehn Jahren habe ich die ersten literarischen Skizzen zu dem Roman angefertigt und ein Jahr lang daran gearbeitet.

Danach habe ich andere literarische Projekte verfolgt, bin aber immer wieder auf Niki und Lu zurückgekommen und habe, wenn man so will, ihre Schicksale in eigene biografische Erfahrungen eingebettet. Ich habe sie an Orte reisen lassen, die ich gesehen hatte, habe meine eigene Zeit im Wedding um Lu herum wieder erstehen lassen, und so hat sich die Geschichte im Lauf der Jahre in meinem Kopf fort und fort geschrieben. Neue Figuren sind hinzugekommen – Vic, Clemens, Annrike, Kaspar – weitere Kapitel sind entstanden, und allmählich wurde mir der Umfang des Projektes bewusst. Der Alfred-Döblin-Preis und der Erfolg von „Der Sommer meiner Mutter“ haben es mir dann ermöglicht, mich zwei Jahre lang ausschließlich auf den Roman zu konzentrieren.

Hätte ich die vergangenen dreieinhalb Jahrzehnte an einem anderen Ort verbracht, hätte ich die Romanhandlung vermutlich dort angesiedelt. Welchen Einfluss das auf die Figuren und die Geschichte gehabt hätte, vermag ich nicht zu sagen. Natürlich beeinflusst mein Leben mein Schreiben, und übrigens auch umgekehrt. Auf die eine oder andere Weise steckt man als Autor in allen seinen Büchern, aber in diesem Falle ging es mir nicht darum, darin aufzutauchen, im Gegenteil, eher, darin zu verschwinden. Ich wollte soweit wie möglich hinter die Geschichte zurücktreten, um diese ganz für sich selbst sprechen zu lassen. Und doch stimmt das Gegenteil irgendwie auch: „Für ein Leben – c’est moi!“

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