Leseprobe "Die Marschallin" von Zora del Buono

Oder begann der Hass an dem Tag, als die Mutter zu ihnen zurückkehrte, mit dem Kind eines Fremden im Bauch, gedemütigt zwar, aber mit jener Aura der Verwegenheit, die sie fortan umgeben sollte, vom Sitz des Fuhrwagens steigend, der sie nach Hause gebracht hatte, wissend, dass Cesaro sie wieder aufnehmen würde? War es überhaupt Hass? Es war schließlich nicht so, dass Zora ihre Mutter ununterbrochen hasste, manchmal vergaß sie das brennende Gefühl, dem sie überhaupt einen Namen hatte geben müssen, was erst im Alter von vierzehn Jahren der Fall gewesen war, als sie die Mutter dabei beobachtete, wie sie einen Blumenstrauß in der Vase drapierte und dabei versonnen die Blütenblätter eines Rittersporns streichelte, mit einem Blick, den Zora nicht deuten konnte, doch der sie verstörte, weil er aus einer anderen Welt zu kommen schien, einer, die Zora verschlossen war. Da dachte sie zum ersten Mal: Ich hasse dich. Vorher hatte sie nur diesen Unmut gespürt, ein Unbehagen in der Anwesenheit ihrer Mutter, vor allem ein körperliches, als ob aus dem einst urvertrauten Mutterleib ein fremder geworden wäre, ein mächtiger Frauenkörper, der ihr bei unzähligen Gelegenheiten zu nahe kam und den sie nicht wegzustoßen wagte. 
Fünf Monate war Marija weggeblieben. Vom ersten Tag an hatte Cesaro seiner Tochter klargemacht, dass jetzt sie die Frau im Hause sei, was das achtjährige Mädchen fraglos akzeptierte, der Vater hatte deutlich gesagt, man wisse nicht, ob die Mutter jemals wieder zurückkehre, und nein, sie habe ihm nicht erzählt, wohin sie gehe. Nur tot, das hatte er den drei Kindern eingebläut, tot sei sie nicht, das wisse er mit Sicherheit. Tot ist sie nicht, hatten Franc, Zora und Ljubko einander immer wieder zugeraunt, wenn ihre Sehnsucht nach der Mutter zu groß wurde. An diese hoffnungsfrohen, im Laufe der Monate verzagter werdenden Flüstereien erinnerte Zora sich, als sie jetzt auf der Brücke an Ljubko vorbeifuhr, der kein wimmerndes Kind mehr war, das nachts in ihr Bett geschlichen kam, um bei der älteren Schwester Trost zu suchen. Manchmal hatte er nach Honig gerochen, morgens klebte ihr Haar, weil er seinen Honigmund darin vergraben hatte. Irgendwann hatte sie beim Putzen (die Frau im Haus!) einen Honigtopf unter seinem Bett gefunden und gemerkt, dass es im Leben des kleinen Ljubko eine Reihenfolge des Getröstetwerdens gab und sie am Ende der Rettungsleiter stand: Daumen nuckeln, Hasenfell streicheln, Honig naschen, zu Zora kriechen. Groß war er geworden, dachte sie, und stark, wie er da neben der mit Steinbrocken gefüllten Schubkarre stand, lässig eine Zigarette rauchend, ein Jüngling mit kastanienbraunem Haar, bergbachklaren Augen und kräftigem Knochenbau, wie alle in der Familie – oder fast alle. Obwohl sie nur drei Jahre älter war, verspürte sie eine mütterliche Zuneigung zu ihm, und die hatte nicht zuletzt mit dem Honigtopf zu tun; betrachtete sie Ljubko, roch sie Honig, noch heute. Sie beschleunigte. Der Blick aus dieser Höhe war herrlich. Wenn sie etwas liebte, dann das: die totale Übersicht. Und dank der Vollgummireifen fuhr sich der neue Lastkraftwagen weitaus besser als der alte mit den Eisenrädern. Auch die Windschutzscheibe war eine feine Erfindung: weniger Staub im Gesicht, kaum noch tränende Augen. Der Krieg hatte der Lastwagentechnik zahllose Neuerungen beschert, immerhin das. 

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