Michael Wildt erhält den Preis des Historischen Kollegs 2022

Mit dem Preis des Historischen Kollegs wird in diesem Jahr Michael Wildt ausgezeichnet, der an der Humboldt-Universität zu Berlin die Professur für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus innehatte. Er erhält die Auszeichnung vornehmlich für sein Buch „Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918 – 1945“. Der zum 14. Mal verliehene Preis ist mit 30.000 Euro dotiert und hat sich als deutscher Historikerpreis etabliert.

Michael Wildt verbindet in seinem preisgekrönten, stilistisch herausragenden Werk eine atmosphärisch dichte Darstellung der politischen Geschichte dieser Epoche mit ganz unterschiedlichen Stimmen aus Ego-Dokumenten von Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Dieser erzählerische Kunstgriff verleiht der Lektüre Spannung und Dynamik. Er ermöglicht dem Autor überdies, wie er in seiner Einleitung formuliert, nicht Geschichte, sondern Geschichten zu erzählen, „die Dissonanzen sichtbar machen sollen. Gegensätze und Widersprüche sollen nicht aufgelöst werden, sondern als konstitutive Elemente einer Spannung bestehen bleiben, unterschiedliche Wahrnehmungen und Sichtweisen nicht integriert, vielmehr ihre Unvereinbarkeit gezeigt werden“. Dies macht das Buch, das sich gleichermaßen an die Scientific Community wie an ein breiteres Publikum wendet, in besonderer Weise preiswürdig, denn seine Lektüre trägt zu einem differenzierten Verständnis von Vergangenheit und Gegenwart bei.

<p style="text-align: center;">Copyright: picture alliance | dpa | Paul Zinken</p>

Copyright: picture alliance | dpa | Paul Zinken

Der Preisträger, geboren 1954 in Essen, studierte nach einer Ausbildung zum Buchhändler in Hamburg, wo er 1991 promoviert wurde. Von 1998 bis 2001 war er am Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) tätig. 2001 habilitierte er sich mit einer vielbeachteten Studie über das Führerkorps des Reichssicherheitshauptamtes („Generation des Unbedingten“). Von 2009 bis zum Wintersemester 2021/2022 lehrte Wildt als einer der renommiertesten deutschen NS-Forscher an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2017 untersuchte er in einem kleinen, sehr lesenswerten Buch mit dem Titel „Volk, Volksgemeinschaft, AfD“ einige Denktraditionen der Neuen Rechten. Michael Wildt ist Mitherausgeber der Fachzeitschriften „WerkstattGeschichte“ und „Historische Anthropologie“; ferner gehört er dem Editorial Board der „Yad Vashem Studies“ an. Zudem ist er seit vielen Jahren als Vorsitzender des Trägervereins „Clio online – Historisches Fachinformationssystem e. V.“ für die zentrale geschichtswissenschaftliche Online-Plattform und ihre vielfältigen Angebote (H-Soz-Kult, Clio-online etc.) engagiert.

Die Dotierung des alle drei Jahre verliehenen Preises des Historischen Kollegs stellt 2022 das Kuratorium des Freundeskreises des Historischen Kollegs, an dessen Spitze Clemens Börsig steht, zur Verfügung. Mit dem Preis wurden seit 1983 der Althistoriker Alfred Heuß, die Mediävisten Arno Borst und Johannes Fried, die Neuzeithistoriker Reinhart Koselleck, Thomas Nipperdey und Wolfgang Reinhard sowie der Ägyptologe und Kulturhistoriker Jan Assmann ausgezeichnet. Zuletzt erhielten den Historikerpreis der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael Mitterauer (2004), die Neuzeithistoriker Gerhard A. Ritter (2007) und Christopher Clark (2010), Barbara Stollberg-Rilinger (2013), Karl Schlögel (2016) und Ulinka Rublack (2019).

Die Verleihung des Preises ist für den 10. November 2022 im Rahmen einer Festveranstaltung in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München geplant.

Quelle: Pressemitteilung des Historischen Kollegs

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