Laura Lichtblau, geboren 1985 in München, lebt und arbeitet als Autorin und freie Übersetzerin in Berlin. In ihren Romanen umkreist sie Themen, die unsere Gesellschaft prägen und bewegen wie den Rechtsruck in Deutschland in „Schwarzpulver“ oder die Lücken in der NS-Vergangenheitsaufarbeitung in „Sund“. Ihre Romane sind relevante Beiträge zu brandaktuellen und tief verwurzelten gesellschaftspolitischen Themen, denen sie ihre poetisch-ironische Sprache und ihre schrägen Figuren, die stets einen bestechenden Hang zum Sonderbaren haben, entgegensetzt.

1. Was haben Sie im Studium fürs Leben gelernt?
Ich habe mir einen Satz aus einem Filmseminar gemerkt: "Dokumentarfilme sind nicht wahrer als Spielfilme." Das war natürlich eine steile These meines damaligen Dozenten und ich würde sie so auch nicht unterschreiben. Aber sie hat mir geholfen, die Biografien der Akteur*innen aus der NS-Zeit noch stärker zu hinterfragen und lediglich als ihre Darstellung bzw. Erzählung zu begreifen, die natürlich ganz häufig nicht stimmt - auch bei den Personen, die offiziell als "entnazifiziert" gelten. Die meisten von ihnen haben ihre Biografien stark geschönt und ihre "Entnazifizierung" bedeutet oft in keinster Weise, dass sie keine Nazis waren. Wie ich in meinem Buch schreibe: Es kommt immer darauf an, wer der oder die Erzähler*in ist.


2. Womit haben Sie Ihr erstes Geld verdient?
Wie so viele Freund*innen damals mit dem Aufpassen auf Kinder. Irgendwie war das mit mir und den beiden Jungs, die ich jede Woche gehütet habe, aber nicht die große Liebe. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, was auch immer das als Vierzehnjährige bedeutet. Trotzdem hat mir der Kleinere der beiden damit gedroht, meinen Kopf mit der Laubsäge abzusägen und in die Isar zu werfen. Ich frage mich, was aus den Kindern geworden ist.


3. Was würde niemand von Ihnen vermuten?
Dass ich gern zündle. Ich mache gern Lagerfeuer und Kaminfeuer und gebe schlaue und weniger schlaue Ratschläge zur Schichtung der Äste, Öffnung der unterschiedlichen Klappen und so weiter. Und dann sitze ich da und starre glücklich in die Flammen.


4. Was nehmen Sie sich immer wieder vor?
Einen Kalender bzw. Tagebuch führen. Gerade letztens habe ich eine Kiste unter dem Bett hervorgezogen, die voller begonnener Tagebücher und Kalender ist ... deprimierend. Ein paar Monate halte ich durch, dann werden die Einträge kürzer und kürzer und versiegen irgendwann ganz.


5. Was ertragen Sie nur mit Humor?
Wenig. Deswegen mache ich auch permanent dumme Witze, selbst in ernsten Situationen – es tut mir leid!


6. Welche Bücher stehen gerade ganz weit oben auf Ihrer Leseliste?
"Having and Being Had" von Eula Biss und "Das rote Buch der Abschiede" von Pirkko Saisio.


7. Der beste Ort der Welt?
Es gibt für mich viele beste Orte. Wichtige Zutaten sind Wasser, Sonne, Felsen und Kiefern. Das kann ein See in Brandenburg sein, eine schwedische Insel oder ein Abschnitt der Isar in den Bergen, an dem sie ganz wild ist und die Pflanzen an den Kiesstränden aussehen, als befände man sich irgendwo am Mittelmeer.


8. Welche Künstler:innen beeindrucken Sie?
Tove Jansson, das war schon als Kind so, weil ich ihre fantastischen Muminwelten so mochte. Als Erwachsene habe ich sie dann noch mal neu entdeckt, auch ihre Gemälde, die ich vorher nicht kannte. Tove Jansson hat außerdem eine sehr spannende Biografie, und ich beneide sie wahnsinnig darum, dass sie Sommer um Sommer auf einer winzigen finnischen Insel gelebt hat, auf der nichts als eine Hütte stand und auf die nicht einmal eine Fähre fuhr.


9. Welche Eigenschaften schätzen Sie an einem Menschen am meisten?
Humor, unbedingt. Und Empathie.


10. Ihr liebstes Smalltalk-Thema?
Der Beruf der anderen Person. Ich liebe es, Fachwissen erklärt zu bekommen, von dem ich selbst keine Ahnung habe. Zuletzt hat eine Maskenbildnerin mir erklärt, wie man Latexstoff färbt und beglittert.


11. Welcher Illusion geben Sie sich gerne hin?
Dass die Menschheit es bald schafft, den Klimawandel ernst zu nehmen und angemessen zu reagieren.


12. Eine Entdeckung, die Sie erst kürzlich gemacht haben?
Blaukrautlasagne. Die ist wirklich gut.


13. Ihr Lieblingsmuseum?
Das Münchner Stadtmuseum hat seit den Achtzigern eine Dauerausstellung: Puppentheater und Schaustellerei. Ich liebe diese Räume, die meist relativ leer sind und, wahrscheinlich um die Ausstellungsstücke zu schützen, in einer Art Dämmerlicht liegen. Ich mag die Mischung aus Marionettenpuppen, einem alten Jahrmarktsgorilla, und dem Gruselkabinett mit dem Blut spuckenden Kopf und der Leiche aus Wachs, von dem ich als Kind schreckliche Albträume hatte ­ ­– also diese Mischung aus Vergnügen und Schauer.


14. Wobei werden Sie schwach?
Hamster und gute Memes.


15. Welchen Satz haben Sie sich zuletzt aus einem Buch notiert?
"Sometimes we wanted to be everything at once" von Selby Wynn Schwartz.


16. Was für eine Art Leserin waren Sie als Kind?
Ich war das Kind, das mit einem Einkaufskorb in die Bibliothek gegangen ist und die maximal erlaubte Anzahl an Büchern ausgeliehen hat (zwanzig). Die habe ich dann alle gelesen, egal welches Genre oder welches Thema – irgendwie konnte ich mich damals noch in alle Welten einfühlen und darin versinken. Ich war also eine sehr unvoreingenommene Leserin, aber Lieblingsbücher hatte ich natürlich trotzdem.


17. Welche Frage stellen Sie am liebsten anderen?
Es ist keine Frage, aber ich versuche es oft mit dieser Aufforderung: Erzähl mir eine Geschichte! Manchmal habe ich Glück.