Rund um den Globus nehmen politische und gesellschaftliche Spannungen und Herausforderungen an Zahl und Tempo zu. Von einer „großen Transformation“ ist die Rede, die sich aus im Einzelnen sehr unterschiedlichen Entwicklungen zusammensetzt: von der Globalen Klimakrise, der Krise von Multilateralismus und Demokratie über Ressourcen- und Umweltprobleme bis hin zu Pandemien und Hungersnöten. Wenn es darum geht, diese und andere gesellschaftliche Herausforderungen zu verstehen und Vorschläge zu ihrer Bewältigung zu erarbeiten, richtet sich der Blick immer auch auf die Wissenschaften.

Die Stiftung Mercator hat es sich seit mehr als einem Jahrzehnt zur Aufgabe gemacht, die Entwicklung wissenschaftlich begründeter Handlungsoptionen für gesellschaftliche Herausforderungen zu fördern und sie in den öffentlichen und politischen Diskurs zu bringen. Diese Absicht zwingt zur Begrenzung der eigenen Themen. Die Stiftung Mercator hat sich für Digitalisierung, Europa, Klimaschutz und Zusammenhalt als Schwerpunkte ihrer Arbeit entschieden. Mit dem Vorteil der strategischen Konzentration kann indes der Nachteil einer Einschränkung des thematischen Horizonts und der Aufmerksamkeit für Veränderungen außerhalb der eigenen Interessen einhergehen. Uns ist es wichtig, den eigenen Horizont offenzuhalten und resonant zu bleiben auch für neue Ideen und Themen. Noch besser erschient es uns, Offenheit aktiv zu unterstützen und von dieser Offenheit möglichst alle profitieren zu lassen, die das wollen. Um dies zu erreichen, möchte die Stiftung Mercator gemeinsam mit C.H. Beck in der Edition Mercator Expertenwissen zur Aufklärung über unsere Gegenwart mobilisieren.

Deutschland wird zunehmend großstädtisch regiert.

Stadt gegen Land – die Geografie der neuen Polarisierung

Der Gegensatz zwischen Stadt und Land ist eine der wirkmächtigsten politischen Konfliktlinien unserer Zeit. Lukas Haffert zeigt, wie er mittlerweile auch die föderale Konsensdemokratie der Bundesrepublik zu erschüttern beginnt: Während die Kluft zwischen urbanen Zentren und der Peripherie zunimmt, versuchen die Parteien immer stärker, die lokalen Identitäten der Bürger politisch zu mobilisieren.

Bei keiner Bundestagswahl war der Stadt-Land-Graben so tief wie bei der im September 2021. Zunehmend prägt dieser Konflikt also auch die politische Landschaft in Deutschland. Der Aufstieg des Rechtspopulismus ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Lukas Haffert argumentiert in seinem Buch, dass Stadt-Land-Konflikte immer dann besonders scharf werden, wenn sich ökonomische Struktur und Lebensstile in großen Städten besonders stark von denen auf dem Land unterscheiden. Er erklärt, warum diese Unterschiede in unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem seit einiger Zeit wieder zunehmen, und fragt, welche politischen Folgen das hat. Dabei zeigt Haffert den Zusammenhang wachsender Stadt-Land-Gegensätze mit dem Aufstieg der AfD, den Wahlerfolgen der Grünen und der Zersplitterung des deutschen Parteiensystems. In der wachsenden Kritik an der vermeintlich abgehobenen Elite in Berlin erkennt er dabei den Versuch, diesen Gegensätzen politische Sprengkraft zu verleihen.

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<p style="text-align: center;">© Junge Akademie - Peter Himsel</p>

© Junge Akademie - Peter Himsel

Lukas Haffert, Ökonom und Politikwissenschaftler, lehrt und forscht an der Universität Zürich. Er verbrachte Forschungsaufenthalte an der Georgetown University und der Harvard University. Zuletzt erschien von ihm das Buch «Die schwarze Null. Über die Schattenseiten ausgeglichener Haushalte» (2016).

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Gerechtigkeit entsteht nicht aus der Vergangenheit, sondern aus dem Hier und Jetzt und für die Zukunft.

Die Restitution von Kulturgütern gehört zu den brisantesten und meistdiskutierten Themen der letzten Jahre. Lässt sich vergangenes Unrecht durch späte Rückgaben wiedergutmachen? Was muss, was soll, was kann zurückgegeben werden? Sophie Schönberger, Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht, zeigt auf, welche Schwierigkeiten, aber auch Chancen die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit birgt, die aus der Gegenwart konstruiert wird.

In unserem Umgang mit einer historisch belasteten Vergangenheit scheint nicht nur der Geschichte als solcher, sondern auch ganz konkreten Objekten Unrecht anzuhaften. Wurden sie geraubt, den Opfern abgepresst oder von ihnen auf andere Weise verloren, so geht man heute, auch viele Jahrzehnte nach ihrem Verlust, zumeist davon aus, dass sie an ihre ursprünglichen Besitzer herauszugeben sind. Welche Parameter, Schwierigkeiten, aber auch Chancen diesen Prozess kennzeichnen, erläutert die Autorin anhand von drei Beispielen, die in Deutschland die aktuellen Debatten in unterschiedlicher Weise prägen: die Restitution von NS-Raubgut, der Umgang mit kolonialen Objekten und schließlich die Entschädigungsforderungen der Familie Hohenzollern.

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<p style="text-align: center;">© Jochen Müller</p>

© Jochen Müller

Sophie Schönberger lehrt Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist Ko-Direktorin des Instituts für Deutsches und Internationales Parteienrecht und Parteienforschung.

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Weil es Globalisierung gibt, gewinnen Grenzen an Bedeutung, werden sukzessive aufgewertet und als Sortiermaschinen gebraucht.

Die „Sachbücher des Monats" Oktober 2021: Platz 1 - Die Bestenliste von ZEIT, ZDF und Deutschlandfunk Kultur
Die Bestenliste von Die Welt/WDR 5/N.Z.Z./ORF-Radio Ö1 Oktober 2021: Platz 1


Der kosmopolitische Traum von einer grenzenlosen Welt hat in den letzten Jahren tiefe Risse bekommen. Aber war er überhaupt jemals realistisch? Steffen Mau zeigt, dass Grenzen im Zeitalter der Globalisierung von Anbeginn nicht offener gestaltet, sondern zu machtvollen Sortiermaschinen umgebaut wurden. Während ein kleiner Kreis Privilegierter heute nahezu überallhin reisen darf, bleibt die große Mehrheit der Weltbevölkerung weiterhin systematisch außen vor.
Während die Mobilität von Menschen über Grenzen hinweg in den letzten Jahrzehnten stetig zunahm und Grenzen immer offener schienen, fand gleichzeitig eine in Wissenschaft und Öffentlichkeit unterschätzte Gegenentwicklung statt. Vielerorts ist es zu einer neuen Fortifizierung gekommen, zum Bau neuer abschreckender Mauern und militarisierter Grenzübergänge. Grenzen wurden zudem immer selektiver und – unterstützt durch die Digitalisierung – zu Smart Borders aufgerüstet. Und die Grenzkontrolle hat sich räumlich massiv ausgedehnt, ja ist zu einer globalen Unternehmung geworden, die sich vom Territorium ablöst. Der Soziologe Steffen Mau analysiert, auf welche Weise und mit welchen Mitteln die neuen Sortiermaschinen Mobilität und Immobilität zugleich schaffen: Für erwünschte Reisende sollen sich Grenzen wie Kaufhaustüren öffnen, für andere sollen sie fester denn je verschlossen bleiben. Nirgends tritt das Janusgesicht der Globalisierung deutlicher zutage als an den Grenzen des 21. Jahrhunderts.

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<p style="text-align: center;">© Matthias Heyse</p>

© Matthias Heyse

Steffen Mau lehrt Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt sind von ihm die Bücher "Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen" (2017) und "Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft" (2019) erschienen. Er wurde 2021 mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.

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Weitere Titel in Vorbereitung

Ivan Krastev über die Taktiken illiberaler Regierungen
Nicole Deitelhoff über die Krise der liberalen Weltordnung
Kristin Shi-Kupfer über Chinas Weg der Digitalisierung
Florian Meinel über die Zukunft des Eigentums
Ulrich Herbert über die verschiedenen Dimensionen der Migration